Die besten Erziehungstipps sind gar keine – so führen Sie Eltern zu eigenen Lösungen

Es ist eine weit verbreitete Meinung, dass Fachleute nicht lange überlegen müssen, sondern in ihrem Fachbereich beheimatete Probleme schnell analysieren und lösen können. Von einem Arzt erwarten wir, dass er möglichst spontan sagt, was uns fehlt. Das Gleiche gilt für Handwerker. Wer erst einmal gar nichts sagt, wirkt überfragt, unerfahren und im schlimmsten Fall nicht sehr kompetent. Das wissen auch Eltern- und Erziehungsberater, die neu im Beruf sind. Viele machen den Fehler, gleich zu Beginn einer Beratung zahlreiche Hinweise und Erziehungstipps zu geben. Einige davon könnten passen, aber die Mehrzahl und auch der Zeitpunkt nicht. Lesen Sie, warum Schweigen, Zuhören und Zustimmen in der Beratung von Eltern und anderen Erziehenden heilsame Wirkungen haben und was besser ist als schnelle Erziehungstipps.

Das erste Bedürfnis von Eltern

Wenn Mütter oder Väter anderen Menschen von ihren Erziehungssorgen erzählen, ist ein aus der Hüfte geschossener Rat selten erwünscht oder hilfreich. Manchmal wünschen sich Eltern nur ein offenes Ohr, einen Austausch mit Gleichgesinnten und die Bestätigung, dass Erziehung eine anstrengende Aufgabe sein kann. Wir alle kennen Situationen, in denen wir einfach nur ein bisschen jammern möchten und uns danach gleich viel besser fühlen. Wer in der Eltern- oder Erziehungsberatung tätig ist, sollte dieses erste Bedürfnis von Eltern kennen und sich darauf einstellen. Überlassen Sie zunächst den Eltern das Reden, hören Sie aktiv zu und signalisieren Sie Akzeptanz und Wertschätzung.

Erziehungstipps schaden – wenn sie zu schnell kommen

Wenn in einer Eltern- oder Erziehungsberatung zu schnell Tipps gegeben werden, unterbricht dies den Gedankenfluss der Eltern und damit auch den Informationsfluss. Berater sind jedoch darauf angewiesen, die geschilderte Situation möglichst genau zu erfassen. Dazu müssen Sie die Eltern reden lassen. Meist entstehen schon nach wenigen Minuten allerlei Hypothesen im Kopf des Beraters: “Das Kind dürstet nach Aufmerksamkeit!”, “Die Mutter merkt nicht, dass sie das Fehlverhalten ihres Kindes belohnt!”, “Die Eltern ziehen nicht am selben Strang!” und so weiter. Diese ersten Vermutungen sollten Sie unbedingt für sich behalten, denn erstens passt der Zeitpunkt nicht und zweitens sind die Dinge oft anders als sie zunächst erscheinen.

Schnelle Erziehungstipps stören die Kommunikation

Viele Elternberater wissen nicht, dass schnelle Erziehungstipps einer Beratung einen ungünstigen Verlauf geben können. Was denken Eltern, denen schon nach kurzer Zeit ein Ratschlag erteilt wird? Hier eine kleine Auswahl:

    • “Also auf DIE Idee bin ich schon längst selbst gekommen. Hält die mich für doof?”
    • “DIE Erziehungsmethode kenne ich schon. Funktioniert bei uns nicht! Ich habe das Gefühl, dass mir diese Beratung nichts Neues bieten wird.”
    • “Eigentlich wollte ich schildern, wie ein typischer Tag bei uns zu Hause aussieht, aber die Beraterin hat mich gar nicht ausreden lassen. Hört nicht richtig zu, spult nur ihr Programm ab. Den nächsten Termin sage ich besser ab.”
  • “Der Berater scheint tatsächlich zu glauben, dass ein Punkteplan das Allheilmittel bei AD(H)S ist. Wie soll ich das hinbekommen? Ich habe doch selbst ADS! Fühle mich total überfordert…”

Diese Gedanken sind Ausdruck einer gestörten Kommunikation zwischen dem Berater und demjenigen, der die Beratung in Anspruch nimmt. Die Eltern fühlen sich nicht gehört, missverstanden, belehrt und insgesamt in unprofessionellen Händen. Oft führt das dazu, dass die Eltern dem nächsten Beratungstermin fernbleiben. Wie sollte eine Elternberatung stattdessen ablaufen?

 Der ideale Ablauf einer Elternberatung

Wer Eltern ein Beratungsangebot macht, sollte stets vom Grundsatz ausgehen, dass Eltern Experten in eigener Sache sind: In der Regel kennt niemand ein Kind besser als seine Mama und sein Papa. Das allein ist Grund genug, Eltern auf Augenhöhe, mit Interesse und echter Wertschätzung zu begegnen. Neben dem geduldigen aktiven Zuhören empfehlen wie ein lösungsorientiertes Vorgehen, bei dem die Beraterin die Ressourcen der Familie in den Blick nimmt, nach Ausnahmen vom Problem sucht und die Eltern dazu ermutigt, das Funktionierende öfter zu tun. Eine guter Elternberater sieht sich nicht als Erziehungstippgeber, sondern hilft den Eltern dabei, eigene Lösungen zu finden. Anregungen sollten wie Pralinen auf einem Teller angeboten werden. Ob sie passen und umgesetzt werden, entscheiden am Ende die Eltern.

Sie finden diesen Ansatz spannend und möchten auch lösungsorientiert beraten? Dann empfehlen wir Ihnen unseren Fernlehrgang “Elternberater/in bei ADS/ADHS” oder unsere in Berlin und Köln stattfindende Ausbildung zur Systemischen Beraterin / zum Systemischen Berater.