Kommentar: Hört auf, Eltern als Hilfslehrer einzuspannen!

Als junge Pädagogikstudentin lernte ich in England Lynn kennen. Lynn hatte einige Jahre zuvor aus Unzufriedenheit mit dem staatlichen Schulsystem ihr Kind aus der Schule genommen, um es zu Hause selbst zu unterrichten. Was in Deutschland in dieser Form rechtlich undenkbar ist, ist in Großbritannien, Österreich, der Schweiz und den meisten anderen europäischen Ländern möglich. Dort gibt es keine Schulpflicht, sondern nur eine Unterrichtspflicht und die kann auch durch Unterricht am häuslichen Küchentisch erfüllt werden. Von besonderem Interesse war für mich, dass Lynn über kein Lehramtsstudium verfügte und dennoch so gut unterrichtete, dass ihr Kind den ehemaligen Klassenkameraden weit voraus war. Schon bald folgten zwei in derselben Straße wohnende Familien Lynns Beispiel. Sie nahmen ihre Kinder aus dem staatlichen Schulsystem und entschieden sich für Home Schooling – bei Lynn.

Seit eines unserer Kinder eine staatliche Grundschule besucht, weiß ich, dass es auch in Deutschland Home Schooling gibt: am Nachmittag, Abend, Wochenende und in den Ferien. Wir Eltern betreuen die Wochenhausaufgaben und die Zwischendurchhausaufgaben. Wir lesen jeden Tag mindestens zehn Minuten mit unserem Kind und führen den Lesepass. Wir üben die Schreibschrift, Kopfrechnen, die Uhr und das Einmaleins. Wir sind aufgefordert, jeden Tag in die Postmappe zu schauen und bekommen sämtliche Schulunterlagen über das Wochenende mit nach Hause, um auf dem aktuellen Stand des Schulstoffs zu sein und bei Bedarf gezielt nachhelfen zu können. Das ist der Alltag vieler Mütter und Väter, die sich für eine staatliche Schule entschieden haben. Ein anschauliches Beispiel ist das Bild in diesem Beitrag. Bitte anklicken!

Die meisten Eltern wollen aber keine Lernbeziehung zu ihren Kindern haben, sondern vor allem Mama und Papa sein. Das ist ein berechtigter Wunsch und in vielen Familien nicht anders möglich. Woher sollen Alleinerziehende neben dem Job, dem Haushalt und den sonstigen Verpflichtungen die Zeit und die Kraft für die schulische Förderung ihrer Kinder nehmen? Wie sollen kaum deutsch sprechende Migranteneltern mit ihren Kindern lesen üben? Was ist mit bildungsfernen Eltern, die selbst keine Textaufgaben lösen können und erst recht nicht wissen, wie man einem Kind dabei helfen kann? Wenn nur Eltern mit Zeit, Bildung und Geld ihre Kinder außerschulisch im Lesen, Schreiben, Rechnen und in vielen anderen schulrelevanten Bereichen zusätzlich fördern, dann verstärkt das soziale Unterschiede. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass mit häuslichem Zusatzunterricht „alle auf einen Stand“ kommen könnten. Das Gegenteil ist der Fall: Die bessergestellten Kinder bauen ihren Vorsprung aus und die schlechtergestellten Kinder werden weiter abgehängt.

Ein Staat, der die Schulpflicht gesetzlich verankert hat, muss dafür sorgen, dass allen Kindern und Jugendlichen eine individuelle Förderung im Rahmen des Schulunterrichts zuteil wird. Er darf sich nicht darauf verlassen, dass die Eltern zu Hilfslehrern werden und zu Hause noch vorhandene Lücken stopfen. Wenn ein Schüler Förderbedarf hat, dann liegt die Förderung nicht in der Verantwortung der Eltern, die zumeist weder ausgebildete Lehrer noch eine Lynn sind. Das ist dem Gesetz nach Aufgabe der Schule (z.B. Brandenburgisches Schulgesetz Abschnitt 2, § 3: „Es ist Aufgabe aller Schulen, jede Schülerin und jeden Schüler individuell zu fördern. Schülerinnen und Schüler mit besonderen Begabungen, sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler sowie Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen sind besonders zu fördern“). Als Mutter muss es mir selbst überlassen bleiben, ob und was ich mit meinem Kind in unserer gemeinsamen Freizeit lerne. Ich möchte nicht in die moralische Pflicht genommen werden. Und wie geht es Ihnen damit? Sind Sie auch Stützlehrerin wider Willen? Über ein Like, einen Kommentar und das Teilen dieses Beitrags würde ich mich freuen: http://www.facebook.com/iflwlerntherapie

Christine Falk-Frühbrodt, M.A. ist Erziehungswissenschaftlerin, Mutter und Pädagogische Leiterin des IFLW – Institut für integrative Lerntherapie und Weiterbildung.