Lerntherapie trotz CORONA: Interview mit Susanne Seyfried, Lehrerin und Online-Lerntherapeutin

Wie geht Online-Lerntherapie?

In der Corona-Krise fragen sich viele Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten, ob und wie auch ohne direkten Kontakt weiter Lerntherapiestunden stattfinden können. Gleichzeitig ist der Bedarf an Lerntherapie infolge der Schulschließungen gestiegen. Wohin können sich Eltern und Schüler mit Lernschwächen aktuell wenden? Wir haben mit der Lerntherapeutin Susanne Seyfried gesprochen, die online arbeitet.

Christine Falk-Frühbrodt: Frau Seyfried, Sie sind eine der wenigen Lerntherapeutinnen in Deutschland, die Online-Lerntherapie anbieten. Machen Sie das schon länger oder erst seit Corona?

Susanne Seyfried: Momentan gibt es eine wachsende Anzahl an Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten, die Online-Therapie anbieten oder nun nach Möglichkeiten suchen, online zu arbeiten. Ich habe täglich mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland Kontakt. Man tauscht sich aus und unterstützt sich. Für viele ist das Online-Lernen Neuland und viele sind dankbar, wenn sie von meinen Erfahrungen hören und Fragen zur Umsetzung stellen können. Vor Corona waren es nur wenige Lerntherapeutinnen, die eine Online-Förderung angeboten haben, da eine Lerntherapie in erster Linie vom persönlichen Austausch lebt und klassisch vor Ort durchgeführt wird. Ich biete seit ca. zwei Jahren Online-Lerntherapie an, Online-Nachhilfe schon viel länger. Vor Corona lag der Schwerpunkt allerdings in der Arbeit vor Ort.

Christine Falk-Frühbrodt: Wie hat sich die Nachfrage nach Online-Lerntherapie mit der steigenden Zahl an Corona-Infizierten und dem nun geltenden Kontaktverbot entwickelt?

Susanne Seyfried: Die Nachfrage ist enorm gestiegen. Mein Telefon stand die letzten Tage kaum still. Ich erlebe Ähnliches bei befreundeten Kolleginnen. Die Eltern wünschen sich weiterhin Unterstützung und die Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten – insbesondere kleinere Praxen – müssen ebenfalls schauen, wie sie in dieser Zeit finanziell über die Runden kommen. Man wird kreativ und findet ganz wunderbare Lösungen, um weiterhin mit den Schülern und Eltern in Kontakt zu bleiben. Es gibt aber auch Eltern, die jetzt pausieren, weil ihre finanzielle Zukunft ungewiss ist und sie sich die Unterstützung online nicht vorstellen können. Ich konnte die letzten Tage auch einige unentschlossene Mütter und Väter überzeugen, nachdem ich ein Interview mit einer meiner Schülerinnen veröffentlicht habe. Sie möchte anderen Mut machen und zeigen: Ihr schafft das! Wir kommen gemeinsam durch diese turbulente Zeit.

Viele Eltern brauchen jemanden, den sie bei Fragen – auch zu ungewöhnlichen Zeiten – kontaktieren können. Oft bekomme ich Nachrichten, wenn Eltern sich am Abend für den nächsten Tag mit ihren Kindern vorbereiten. Es sind manchmal die kleinen Tipps, die das Lernen erleichtern. Viele Eltern fühlen sich mit dem Lernen daheim vor neue Herausforderungen gestellt. Einige arbeiten im Home-Office und versuchen parallel die Fragen ihrer Kinder zu beantworten. Das ist eine Herausforderung. Nicht alle Eltern können in jedem Fach helfen. Schüler mit einer LRS oder Rechenschwäche brauchen besonders viel Zuspruch und Motivation und jemanden, der an sie glaubt und ihnen ein Stück Sicherheit zurückgibt, was sie gerade in dieser Zeit nötig haben. Meine Unterstützung ist momentan sehr wichtig. Der persönliche Termin findet jetzt online statt, aber er ist verlässlich und bringt ein Stück Kontinuität und Normalität in diese emotional belastende Zeit.

Christine Falk-Frühbrodt: Lerntherapie lebt vom persönlichen Kontakt, von verbaler und nonverbaler Kommunikation, vom Zwischenmenschlichen. Geht das auch über das Internet?

Susanne Seyfried: Wir haben momentan eine Ausnahmesituation, die besondere Lösungen erfordert. Eine Lerntherapie vor Ort ist nicht vergleichbar mit einer Lerntherapie übers Internet. Dennoch ist es gerade jetzt die beste Lösung, um diese Schüler nicht allein zu lassen, um die Eltern zu entlasten und für die Schüler und Eltern weiterhin als Ansprechpartner da zu sein. Mit der nötigen Gelassenheit und Erfahrung kann online auch ganz viel Positives bewirkt werden. Ich merke, dass ich vor zwei Jahren noch unsicher in der Online-Lerntherapie war. Inzwischen habe ich an Erfahrung gewonnen und weiß, wie auch online eine erfolgreiche Lerntherapie gelingen kann.
Ich betreue einige ältere Schüler, die aktuell vormittags allein zuhause sind, während die Eltern arbeiten gehen. Sie sind dankbar, dass ich da bin und wir weiterhin unseren Termin haben, an dem sie ihre Ängste und Sorgen teilen können und ein Stück Sicherheit zurückbekommen. Viele Schüler kontaktieren mich jetzt auch außerhalb der wöchentlichen Lerntherapie. Sie brauchen Hilfe, Zuspruch und manchmal einfach nur ein kleines Lächeln.

Christine Falk-Frühbrodt: Welche Technik verwenden Sie für Ihre Online-Lerntherapiestunden? Welche Geräte, welche Software oder Apps muss das Lerntherapiekind haben, um Ihr Angebot nutzen zu können?

Susanne Seyfried: Ich arbeite schwerpunktmäßig mit Zoom. (Anm. der Redaktion: Lesen Sie dazu die Tipps zum Datenschutz von Alexander Baetz.) Der Schüler braucht dafür keine weitere Technik, sondern folgt dem Link, den ich ihm schicke. Hilfreich ist eine Kamera, aber viele haben ein Tablet. Hier ist die Kamera schon integriert. Ansonsten ist es wichtig, sehr stark kommunikativ zu arbeiten. Die nonverbale Kommunikation lässt sich online schwerer interpretieren, aber fast alle Schüler kennen mich persönlich. Daher ist der Austausch von persönlich auf online relativ reibungslos verlaufen. Mit vielen Schülern arbeite ich schon Monate zusammen und daher findet man auch online ganz schnell den Draht zueinander. In der ersten Online-Sitzung empfehle ich den Eltern kurz dabei zu sein, um mein Angebot zu testen, insbesondere bei jüngeren Schülern. Es hilft die kleine Hemmschwelle abzubauen. Nach der ersten Online-Stunde kommt durchweg positives Feedback. Viele hatten es sich schwieriger vorgestellt.

Christine Falk-Frühbrodt: Wie unterscheidet sich Präsenz-Lerntherapie von Online-Lerntherapie? Können Sie uns eine Ihrer letzten Lerntherapiestunden beschreiben?

Susanne Seyfried: Für mich hat sich nicht so viel geändert. Ich bin dankbar, wenn die Internetverbindung auf beiden Seiten stabil bleibt, die Übertragung klappt, meine gute Laune auch beim Gegenüber ankommt und damit die Stunde trotz des fehlenden persönlichen Austauschs gut anläuft. Das ist die halbe Miete. Sehen die Schüler, dass ich gute Laune habe und das Internet mitspielt, dann sind diese auch entspannt und können sich auf die Stunde einlassen.
Einige meiner Schüler haben nun Routinen und Rituale entwickelt. Das kann beispielsweise ein ganz besonderer Ort sein, an welchem sie für die Online-Förderung sitzen. Eine meiner Schülerinnen trägt eine Einhorn-Brille, die ihr zeigt: Jetzt geht die Stunde bei Frau Seyfried los. Mit anderen Schülern starte ich die Lerntherapie mit einer kurzen Bewegungsübung. Meist bespreche ich erstmal kurz mit dem Schüler, wie seine Woche war und wo er beim Lernen zu Hause Unterstützung benötigt, bevor wir dann in die eigentliche Lerntherapie starten. Das integrierte Whiteboard, welches wir bei Zoom beide nutzen können, erleichtert die Arbeit. Auch können Dokumente oder Videos geteilt, aber auch Spielideen umgesetzt werden. Der Schüler braucht hier anfangs eine kurze Anleitung, aber vieles ist selbsterklärend. Tolle Funktionen hat auch die kostenlose Software Open Board. Da lohnt es sich mal auszuprobieren, was für das jeweilige Thema und für einen persönlich interessant sein könnte. Ich merke, dass ich online mehr Kommunikation benötige. Dies hat aber auch den Vorteil, dass der Schüler das so wichtige begleitende Verbalisieren lernt. Er berichtet mir genau, wie er bei einer Aufgabe vorgegangen ist, wie er sich die Lösung gedacht hat und warum er gerade diese Vorgehensweise gewählt hat. Im Anschluss an die Online-Therapie berate ich sehr oft die Eltern und gebe Tipps fürs häusliche Üben, für mehr Gelassenheit in diesen Tagen und ein offenes Wort zum Lehrer, wenn mal etwas nicht klappt. Der Kontakt zum Lehrer ist weiterhin sehr wichtig, denn jeder Schüler kommt unterschiedlich gut klar mit dem freien Lernen.

Christine Falk-Frühbrodt: Mit Ihrem Online-Angebot erreichen Sie Kinder und Jugendliche in der ganzen Welt. Möchten Sie das intensivieren oder nach Corona auch wieder vor Ort in Villingen-Schwenningen arbeiten?

Susanne Seyfried: Ich werde weiterhin online arbeiten, zumal ich einige Schüler habe, die weit entfernt wohnen. Außerdem ist die Online-Lerntherapie eine Alternative, wenn die Eltern den Schüler einmal nicht bringen können, weil sie selbst krank sind oder keine Zeit haben. Dann kann der Schüler meine Unterstützung für diesen Termin online in Anspruch nehmen, da er ja die Technik schon kennt und es für ihn gar nichts Neues oder Ungewöhnliches mehr sein wird.
Mein Schwerpunkt liegt aber in der Arbeit vor Ort: Ich liebe den persönlichen Austausch, die direkte Arbeit mit dem Kind, das Zusammenspiel von non-verbalem Austausch und aktiver Kommunikation. Ein Lächeln, wenn wir gemeinsam ein kleines Etappenziel erreicht haben, ist so viel wert. Das ist online nicht so intensiv übertragbar. Der persönliche Rahmen ist ebenfalls wichtig. Ich habe einen Garten und kann einen Teil der Lerntherapie nach draußen verlegen. Auch meine beiden Katzen spielen eine große Rolle. Jeder meiner Schüler sucht den Kontakt zu ihnen und möchte sie streicheln. Auch die persönlichen Gespräche mit den Eltern sind Bestandteil der Lerntherapie und der Austausch mit dem Lehrer vor Ort. Ich bin in der Region sehr gut vernetzt. Dies erleichtert mir die Arbeit.
Was ich allerdings ausbauen werde, sind meine Online-Kurse im Bereich Mengenverständnis und mathematische Grundlagen. Sie sind für Eltern gedacht, die ihre Kinder beim Rechnen unterstützen möchten, die sich vielleicht keine Lerntherapie leisten können oder weiter weg wohnen. Für meine Schüler sind diese Kurse kostenlos. Eltern bekommen so zusätzlich Übungsideen für zu Hause. Das Angebot wird gerne angenommen. Des Weiteren biete ich momentan kostenlose Webinare für Eltern, um Anregungen für das freie Lernen daheim zu geben. Das Angebot wird dankbar angenommen.

Christine Falk-Frühbrodt: Wir danken Ihnen für das Gespräch, wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg als Lerntherapeutin und uns allen ein baldiges Ende der Corona-Pandemie.

Kontakt zu Susanne Seyfried: www.lerntherapie-vs.de

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