In lerntherapeutischen Praxen werden zunehmend Kinder vorgestellt, deren Deutschkenntnisse nicht ausreichen, um komplexe Erklärungen zu verstehen. Auch an Schulen tätige Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten sind mit diesem Thema konfrontiert. Es stellt sich die Frage: Kann eine Lerntherapie erfolgreich sein, wenn die gemeinsame Sprache fehlt?
Unsere Antwort: Ja – sofern zwischen sprachlichen Schwierigkeiten und Lernstörungen unterschieden wird und die Methoden an die individuellen Voraussetzungen des Kindes angepasst werden.
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Sprache ist nicht gleich Lernen
Kinder mit Deutsch als Zweitsprache bringen häufig viele Kompetenzen mit, allerdings nicht immer in der deutschen Sprache. Dies erfordert eine differenzierte Betrachtung der sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten. Begrenzte Deutschkenntnisse dürfen nicht vorschnell als Hinweise auf eine Lernstörung interpretiert werden.
Eine sorgfältige Diagnostik berücksichtigt u.a. den Zeitpunkt des Erwerbs der Erst- und Zweitsprache, die Dauer des Aufenthalts in Deutschland, die bisherige schulische Vorbildung, die Kompetenzen in der Erstsprache und bisherige Lern- und Bildungserfahrungen. Bei Verdacht auf kognitive Beeinträchtigungen kann eine Intelligenzdiagnostik sinnvoll sein.
Insbesondere bei Auffälligkeiten im Lesen, in der Rechtschreibung und im Rechnen muss genau hingeschaut werden. Schwierigkeiten in diesen Bereichen können durch den Zweitspracherwerb entstehen, ohne dass eine LRS (Legasthenie) oder eine Rechenschwäche (Dyskalkulie) vorliegt.
Intelligenztests, die ohne Sprache auskommen
Wenn ein Kind nur geringe Deutschkenntnisse besitzt, können klassische Intelligenztests an ihre Grenzen kommen. Aufgabenstellungen müssen verstanden, Begriffe gekannt und Antworten sprachlich formuliert werden. Eine Alternative sind sprachfreie oder sprachreduzierte Intelligenztests in Form von Matrizentests. Dabei sieht das Kind beispielsweise eine Reihe geometrischer Figuren oder Muster, bei der ein Element fehlt. Aus mehreren Antwortmöglichkeiten muss diejenige ausgewählt werden, die das Muster logisch vervollständigt.
Allerdings sollte der Begriff „sprachfrei“ nicht missverstanden werden. Auch ein Matrizentest findet nicht außerhalb von Sprache und Kultur statt. Das Kind muss verstehen, was von ihm verlangt wird, mit der Testsituation zurechtkommen und das Antwortformat erfassen. Schul- und Testerfahrungen, Konzentration, Motivation und Vertrautheit mit abstrakten Aufgaben können das Ergebnis beeinflussen. Ein sprachfreier Test ist deshalb nicht automatisch ein kulturfreier Test.
Zu den bekannten sprachfreien Verfahren gehören die Raven’s Progressive Matrices. Die Aufgaben bestehen überwiegend aus Abfolgen visueller Muster, deren zugrunde liegende Regeln erkannt werden müssen. Auch Tests wie der CFT 20-R versuchen, intellektuelle Fähigkeiten möglichst unabhängig von sprachlichen Kenntnissen zu erfassen.
Doch Vorsicht: Intelligenztests müssen verantwortungsvoll eingesetzt werden. Die Ergebnisse können das Bild eines Kindes prägen und schulische oder therapeutische Entscheidungen beeinflussen. Vor einer Testung sollte deshalb geklärt werden: Warum wird die Intelligenz erfasst? Wer ist für die Durchführung und Interpretation qualifiziert? Welche Konsequenzen sollen aus dem Ergebnis gezogen werden? Für die Lerntherapie können Intelligenztestergebnisse hilfreich sein. Sie ersetzen jedoch keine umfassende Diagnostik und auch nicht die Beobachtung des individuellen Lernverhaltens.
Beziehung ist die erste gemeinsame Sprache
Lerntherapie beginnt mit Beziehung, nicht mit Arbeitsblättern. Wertschätzung, Sicherheit und Verlässlichkeit bilden die Grundlage jeder erfolgreichen Förderung. Kinder orientieren sich zunächst an nonverbalen Signalen (Blickkontakt, Mimik, Gestik, Körpersprache) sowie an Stimme und Sprechtempo. Rituale bauen Vertrauen auf und schaffen eine positive Lernatmosphäre. Eine klar strukturierte Therapiestunde erleichtert die Orientierung und reduziert sprachbedingte Unsicherheiten. Verlässliche Abläufe geben Sicherheit und damit günstige Lernvoraussetzungen.
Sprachfreie Zugänge: Lernen durch Handeln
Lerntherapie bietet zahlreiche Möglichkeiten, Inhalte unabhängig von Sprache erfahrbar zu machen. Besonders wirksam sind handlungsorientierte Verfahren. Materialien machen abstrakte Inhalte sichtbar und begreifbar. Sie übernehmen einen Teil der Erklärung und ermöglichen eigenständiges Entdecken.
Im Bereich des Rechnens bieten sich z.B. Rechenrahmen, Perlenmaterial, Zwanziger- und Hunderterfelder, Zehnerstangen und Einerwürfel (Stellenwertmaterial), Wendeplättchen, Steckwürfel, Sortier- und Legematerialien sowie Rechenketten an. Auch Geobretter, Würfel, Spielkarten, Domino- und Memoryspiele mit Zahlen und Mengen, Tangram sowie Alltagsmaterialien wie Knöpfe, Muggelsteine oder Holzstäbchen eignen sich, um mathematische Zusammenhänge anschaulich zu vermitteln und aktives Entdecken zu fördern.
In der LRS-Förderung empfehlen wir z.B. Sandpapierbuchstaben, das Legen und Bauen von Wörtern mit Buchstabenkarten oder Magnetbuchstaben und das Klatschen von Silben. Auch das Schreiben in Sand oder auf strukturierten Oberflächen, das Nachspuren von Buchstabenformen und spielerische Übungen zur phonologischen Bewusstheit unterstützen den Schriftspracherwerb. Ergänzend können Lautgebärden, Memory- und Zuordnungsspiele sowie digitale Lern-Apps eingesetzt werden.
Bei Kindern mit ADHS raten wir zu Lernen über Bewegung, Wahrnehmung und aktives Handeln. Hilfreich sind Bewegungs- und Konzentrationsspiele, Balance- und Koordinationsübungen, Rhythmus- und Klatschspiele sowie kurze Bewegungspausen zwischen den Arbeitsphasen. Ebenso unterstützen Timer, Checklisten und visuelle Strukturierungshilfen die Orientierung und das selbstständige Arbeiten. Zur Förderung der Impulskontrolle und der exekutiven Funktionen eignen sich Stopp-Spiele, Signalkarten, Ampelsysteme, Selbstinstruktionstrainings nach Krowatschek oder Lauth/Schlottke und Spiele zur Handlungsplanung.
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Vormachen, visualisieren, Sprache schrittweise aufbauen
Wenn sprachliche Erklärungen nur eingeschränkt verstanden werden, gewinnt das Lernen am Modell an Bedeutung. Statt längerer verbaler Instruktionen kann die Lerntherapeutin einen Lösungsweg zunächst vormachen, ihn dann gemeinsam mit dem Kind durchführen und das Kind schließlich selbstständig handeln lassen. Das Prinzip „Ich mache vor – wir machen gemeinsam – du probierst selbst“ vermittelt auch bei geringen Deutschkenntnissen Orientierung und Handlungssicherheit.
Visuelle Hilfen können diesen Prozess unterstützen. Piktogramme, Bildkarten, Symbole, Farbcodierungen oder einfache Ablaufpläne verdeutlichen Arbeitsaufträge und wiederkehrende Abläufe, ohne dass dafür umfangreiche sprachliche Erklärungen notwendig sind. Entscheidend ist nicht die Menge der eingesetzten Hilfsmittel, sondern ihre Eindeutigkeit und ihr verlässlicher Einsatz.
Besonders gut lässt sich dieses Vorgehen in der Mathematik nutzen. Mengen, Größen, Muster, Zahlen und Rechenoperationen können zunächst handelnd und anschaulich erschlossen werden. Das Kind sortiert, vergleicht, legt Mengen, erkennt Strukturen oder stellt Zahlen dar. Die passenden mathematischen Begriffe werden parallel dazu eingeführt und zunehmend gefestigt. So wird Sprache an bereits verstandene Handlungen und Vorstellungen geknüpft.
In der Förderung des Lesens und Schreibens ist die Sprache selbst der Lerngegenstand: Bild-Wort-Zuordnungen, Lautgebärden und multisensorische Übungen eröffnen handelnde Zugänge zur deutschen Sprache. Gleichzeitig sollte berücksichtigt werden, welche sprachlichen Fähigkeiten das Kind in seiner Erstsprache entwickelt hat. Mehrsprachigkeit gehört als Ressource zu den individuellen Lernvoraussetzungen des Kindes.
Eltern als Kooperationspartner
Auch wenn Eltern selbst nur wenig Deutsch sprechen, sind sie wichtige Begleiter des Lern- und Entwicklungsprozesses ihres Kindes. Damit Zusammenarbeit gelingt, sollten Informationen möglichst klar, verständlich und bei Bedarf mehrsprachig vermittelt werden. Für organisatorische Mitteilungen können Übersetzungshilfen sinnvoll sein. Bei komplexeren oder diagnostisch bedeutsamen Gesprächen kann die Unterstützung durch qualifizierte Sprachmittler erforderlich sein. Ebenso wichtig ist eine wertschätzende Haltung gegenüber der Familiensprache: Eltern sollten nicht den Eindruck erhalten, dass die Erstsprache ihres Kindes ein Hindernis für schulisches Lernen darstellt.
Lerntherapie braucht nicht immer viele Worte
Mangelnde Deutschkenntnisse schließen eine erfolgreiche Lerntherapie nicht aus. Sie verlangen jedoch eine sorgfältige Diagnostik und eine Förderung, die sich an den oft verborgenen Fähigkeiten des Kindes orientiert. Selbstverständlich gibt es schlecht deutschsprechende Kinder, die eine Lernstörung haben. Gleichwohl darf nicht jede sprachliche Hürde mit einer Lernstörung oder unzureichender Intelligenz in Verbindung gebracht werden.
Lernen kann auf vielen Wegen stattfinden: Über Beziehung, klare Strukturen, Vormachen, Visualisieren, Bewegung und handelndes Lernen können Kinder Zusammenhänge verstehen und Lernerfolge erleben. Sprache kann schrittweise aufgebaut und mit bereits verstandenen Handlungen, Bildern und Erfahrungen verknüpft werden. Sprachfreie und sprachreduzierte Ansätze bauen Brücken: Sie ermöglichen Verständigung, schaffen Zugang zu Lerninhalten und geben Kindern die Chance zu zeigen, was sie bereits können. Eine gute Lerntherapie setzt immer an bereits vorhandenen Kompetenzen des Kindes oder Jugendlichen an und das unabhängig davon, in welcher Sprache sie sich zunächst zeigen.
