30 Sätze, die Nachhilfelehrer statt „Ist doch ganz einfach!“ sagen können

„Ist doch ganz einfach!“

Das ist ein Satz, der einem als Nachhilfelehrer schnell herausrutschen kann. Kein Wunder: Man hat die Bruchrechnung schon oft erklärt, erkennt die Lösung der Gleichung auf den ersten Blick und weiß längst, wo im Satz das Komma hingehört. Für viele Schüler ist die Sache allerdings gar nicht einfach. Das ist schließlich der entscheidende Grund, warum Nachhilfe überhaupt erst in Anspruch genommen wird.

Die Aussage „ist doch ganz einfach“ kann eine ungünstige Wirkung haben, denn beim Schüler kommt schnell an: „Wenn das einfach ist und ich es trotzdem nicht verstehe, bin ich wohl ziemlich schlecht darin, vielleicht sogar ein bisschen doof.“ Das ist eine Botschaft, die das Zutrauen, die Erfolgszuversicht und damit die Motivation schmälern kann. Sie gilt es zu vermeiden.

Welche alternativen Sätze bieten sich an, gern gewürzt mit einer Prise Humor? Was kann man damit pädagogisch und psychologisch bewirken? Hier sind die besten Sprüche aus meiner Erfahrung als Nachhilfelehrerin und aus den Rückmeldungen von Absolventen unseres Fernstudiengangs „Didaktik für Nachhilfelehrer/innen“ und der Zertifizierung „Zertifizierte/r Nachhilfelehrer/in (IFLW)“:

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Bei „Ich kann das nicht!“

  • „Noch nicht. Deshalb sitzen wir ja hier.“ -> verschiebt den Blick vom vermeintlichen Unvermögen auf einen vorübergehenden Lernstand
  • „Sehr gut, dann haben wir heute etwas zu tun.“ -> macht aus Frust eine konkrete Aufgabe und vermittelt Zuversicht
  • „Du musst nicht gleich gut darin sein. Etwas weniger ratlos reicht für den Anfang.“ -> senkt den eigenen Leistungsanspruch und macht kleine Fortschritte wertvoll
  • „Wenn du es schon könntest, wäre Nachhilfe eine schlechte Geldanlage.“ -> nimmt dem Nichtkönnen durch Humor etwas von seiner Peinlichkeit und gibt ihm eine Berechtigung
  • „Das sieht gerade unmöglich aus. Gib uns zehn Minuten, dann ändert sich das.“ -> begrenzt die Überforderung zeitlich und weckt die Erwartung, dass Verständnis erreichbar ist

Bei einem Fehler

  • „Sehr schöner Fehler. Ein Klassiker seiner Art.“ -> Kann entlastend wirken: Andere machen diesen Fehler offenbar auch.
  • „Perfekt. Jetzt wissen wir schon mal, wie es nicht geht.“ -> deutet den Fehler als Erkenntnisgewinn statt als Misserfolg
  • „Fehler gefunden. Der Tag war nicht umsonst.“ -> gibt dem Entdecken des Fehlers einen eigenen Wert und belohnt genaues Hinschauen
  • „Ah! Ein Fehler – etwas, womit wir arbeiten können.“ -> lenkt vom Ärger über den Fehler auf dessen Lösungspotenzial
  • „Falsch ist manchmal nur die umständlichere Route zu richtig.“ -> normalisiert Umwege als Teil des Denk- und Lernprozesses

Bei einem Blackout

  • „Das Wissen ist da. Es versteckt sich nur.“ -> stärkt das Vertrauen ins eigene Wissen, obwohl es gerade nicht abrufbar ist
  • „Keine Panik. Dein Gehirn sucht im Archiv.“ -> nimmt Druck aus der Situation und stellt die Denkpause als normalen Suchprozess dar
  • „Ich sehe förmlich, wie dein Gehirn Dateien durchsucht.“ -> überbrückt die unangenehme Stille humorvoll, ohne vorschnell die Antwort vorzugeben
  • „Kennst du. Weißt du. Findest du nur gerade nicht. Passiert den Besten und Lehrern ständig.“ -> trennt momentanes Nicht-Erinnern von tatsächlichem Nicht-Wissen und wirkt durch Normalisierung beruhigend
  • „Wir warten kurz. Vielleicht kommt die Erinnerung von alleine aus ihrem Versteck.“ -> gibt Zeit zum selbstständigen Erinnern und verhindert vorschnelle Hilfestellung

Bei Flüchtigkeitsfehlern

  • „Du kannst das. Du liest nur gelegentlich Aufgaben wie AGB.“ -> unterscheidet humorvoll zwischen fachlichem Können und mangelnder Aufmerksamkeit
  • „Rechnen: richtig. Aufgabe lesen: ausbaufähig.“ -> würdigt zuerst die vorhandene Kompetenz und benennt anschließend die eigentliche Fehlerquelle
  • „Sehr gut gerechnet. Leider eine andere Aufgabe.“ -> macht den Widerspruch zwischen korrektem Rechenweg und falschem Auftrag sichtbar
  • „Die Aufgabe hat dir gesagt, was sie will. Du hast beschlossen, ihr nicht zuzuhören.“ -> spiegelt die Unachtsamkeit überspitzt und kann die Bedeutung sorgfältigen Lesens einprägsamer machen
  • „Kontrollieren ist die Kunst, dem eigenen Gehirn nicht uneingeschränkt zu vertrauen.“ -> vermittelt Kontrolle als sinnvolle Strategie statt als Zeichen von Unsicherheit

Vor Klassenarbeiten

  • „Du musst morgen nicht alles wissen – nur möglichst viel von dem, was drankommt.“ -> relativiert den Anspruch auf Vollständigkeit und richtet den Fokus auf das Relevante
  • „Aufregung ist okay. Dein Gehirn hat nur verstanden, dass morgen etwas Wichtiges passiert.“ -> deutet Nervosität von einem Problem zu einer nachvollziehbaren körperlichen Reaktion um
  • „Unser Ziel ist nicht: keine Fehler. Unser Ziel ist: weniger Fehler.“ -> ersetzt Perfektionismus durch ein realistisches und erreichbares Ziel
  • „Morgen liest du erst die Aufgabe. Dann denkst du. In genau dieser Reihenfolge.“ -> gibt eine einfache Handlungsregel, die auch unter Prüfungsstress abrufbar bleibt
  • „Wenn du etwas nicht weißt: weiter. Die Klassenarbeit soll Punkte bekommen, nicht deine gesamte Lebensenergie.“ -> fördert strategisches Zeitmanagement und verhindert, dass man sich an einer einzelnen Aufgabe festbeißt

Wenn Motivation fehlt

  • „Du musst Mathe nicht lieben. Mathe verkraftet das.“ -> nimmt die Erwartung, für erfolgreiches Lernen Begeisterung empfinden zu müssen
  • „Motivation ist heute verhindert. Dann machen wir es ohne sie.“ -> entkoppelt Handeln von der momentanen Stimmung und stärkt pragmatisches Dranbleiben
  • „Wir machen nur die erste Aufgabe. Danach verhandeln wir neu.“ -> verkleinert die Einstiegshürde und macht den Arbeitsbeginn überschaubar
  • „Heute gewinnen wir keinen Bildungspreis. Aber drei Aufgaben wären schon schön.“ -> passt das Ziel an einen schwächeren Tag an, ohne die Arbeit ganz aufzugeben
  • „Du musst nicht motiviert anfangen. Manchmal kommt erst Motivation, wenn man merkt: Hey, geht ja.“ -> vermittelt, dass Erfolgserlebnisse Motivation erzeugen können und nicht immer umgekehrt

Humorvolle Sprüche können Problemen den Stachel nehmen. Sätze wie „Sehr schöner Fehler. Ein Klassiker seiner Art.“ oder „Das Wissen ist da. Es versteckt sich nur.“ schaffen eine Atmosphäre, in der Fehler nicht peinlich sind.

Nachhilfe ist ein Ort, an dem Schüler sagen dürfen sollten: „Ich verstehe das nicht.“ Sie sollten ausprobieren, Fehler machen, noch einmal fragen und manchmal auch gemeinsam mit dem Nachhilfelehrer über eine völlig missglückte Lösung lachen können.

Natürlich passt nicht jeder Spruch zu jedem Schüler. Manch 16-Jähriger kann über „Das Ergebnis ist noch falsch, aber immerhin sehr selbstbewusst“ herzlich lachen. Ein verunsichertes Kind könnte denselben Satz als Kritik erleben. Entscheidend ist nicht der perfekte Spruch, sondern unsere Haltung als Nachhilfelehrkraft:

Wir beide gegen das Problem – nicht ich gegen dich.

Humor kann einen Fehler kleiner machen, ohne ihn kleinzureden. Er kann Anspannung lösen und dem Schüler zeigen, dass Nichtwissen, Vergessen und Scheitern ganz normale Bestandteile des Lernens sind. Das ist der wohl wichtigste Unterschied zwischen „Ist doch ganz einfach!“ und „Okay. Das ist gerade schwierig. Lass uns gemeinsam die Lösung suchen.“

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