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Was machen Schulbegleiter? – Schulbegleitung als Beruf

Immer mehr Kinder und Jugendliche haben Schwierigkeiten im sozialen und emotionalen Bereich. Diese können zu Verhaltensweisen führen, die einen geregelten Schulunterricht unmöglich machen. Um verhaltensauffälligen Schülern und Schülerinnen im Sinne der Inklusion einen Verbleib im Regelschulsystem zu ermöglichen, gibt es die Möglichkeit einer Schulbegleitung. Darüber hinaus können auch Kinder und Jugendliche mit Behinderungen bzw. Störungen (z.B. Down-Syndrom, Autismus, ADHS) einen Schulbegleiter oder eine Schulbegleiterin haben. Wir sprachen mit Zafer Polat über seine Tätigkeit als Schulbegleiter an einer Göttinger Gesamtschule.

Christine Falk-Frühbrodt: Sie sind seit 2007 und damit schon über 15 Jahre Schulbegleiter. Als Sie damit anfingen, war der Beruf noch weitgehend unbekannt. Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung trat erst 2008 in Kraft.

Zafer Polat: Ja, ich gehöre wohl zu den ersten Schulbegleitern Deutschlands. Das Berufsbild ist auch heute noch nicht jedem bekannt. Selbst Lehrern und Lehrerinnen muss mitunter erklärt werden, was Schulbegleiter machen und was nicht.

Christine Falk-Frühbrodt: Was sind die Aufgaben eines Schulbegleiters?

Zafer Polat: Schulbegleiter helfen „ihrem“ Kind beim Zurechtkommen im Schulleben. Kinder und Jugendliche mit Schulbegleitungsbedarf sind häufig Außenseiter, geraten in viele Konflikte, sind sehr auffällig und stehen oft kurz vor dem Rausschmiss aus der Schule. Sie müssen lernen, sich an Regeln zu halten und mit ihren Mitschülern und Lehrern auszukommen. Ordnung, Struktur, Konfliktlösefähigkeit – all das kennen diese Schüler häufig nicht von zu Hause. Schulbegleiter sorgen für Orientierung im räumlichen und sozialen Umfeld und unterstützen bei der Kommunikation und Interaktion mit den Mitschülern. Häufig befinden wir uns in einer Vermittlerrolle. In erster Linie sind Schulbegleiter aber für das Kind da – nicht für die Lehrer, die Mitschüler oder die Eltern.

Christine Falk-Frühbrodt: Kann jeder Schulbegleiter werden? Welche Fähigkeiten sind erforderlich?

Zafer Polat: Das Wichtigste ist Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen. Wichtig sind auch Geduld, Gelassenheit und Zuverlässigkeit. Ein Schulbegleiter muss zuverlässig sein: Wort halten, präsent sein, zum Kind stehen, auch in schwierigen Phasen. Ohne Zuverlässigkeit macht sich ein Schulbegleiter unglaubwürdig. Werte, die wir Kindern vermitteln möchten, müssen wir vorleben. Schulbegleiter müssen zudem fähig zur Zusammenarbeit sein, zur Kooperation auf Augenhöhe. Wer sich profilieren möchte, ist verkehrt in diesem Beruf.

Christine Falk-Frühbrodt: Wie sind Sie Schulbegleiter geworden?

Zafer Polat: Wie so oft im Leben war das ein Zufall oder vielleicht auch eine Fügung. Ich lernte eine Frau kennen, die auf der Suche nach einer Schulbegleitung für ihr Kind war. Sie traute mir das zu, obwohl ich etwas anderes als Pädagogik studiert habe. So wurde ich zum Schulbegleiter und bin es bis heute geblieben.

Christine Falk-Frühbrodt: Wie sieht ein typischer Arbeitstag eines Schulbegleiters aus?

Zafer Polat: Mein Arbeitstag beginnt um 7.50 Uhr, also kurz vor Unterrichtsbeginn. Ich begrüße „mein“ Kind und nutze die ersten Minuten, um gemeinsam mit ihm den Unterricht vorzubereiten, also zum Beispiel die Materialien zurechtzulegen. Im Unterricht bleibe ich zunächst nah am Kind und trete sobald möglich in den Hintergrund, bin aber bei Unterstützungsbedarf stets präsent. Manchmal ist es erforderlich, den Unterricht gemeinsam mit dem Kind zu verlassen. Wir gehen dann in einen separaten Raum, reflektieren dort die Situation, spielen oder machen etwas Sport, damit sich der Schüler erden kann. Der Arbeitstag endet mit dem Schulschluss des Kindes. Einmal pro Woche kann ich mich im Rahmen einer Supervision fachlich austauschen.

Christine Falk-Frühbrodt: Sind Sie der einzige Schulbegleiter an Ihrer Schule oder gibt es mehrere? Arbeiten Sie im Team oder jede/r für sich?

Zafer Polat: Aktuell sind wir 16 Schulbegleiter an einer Schule mit fast 1000 Schülern. Anfangs hat tatsächlich jede/r mehr oder weniger isoliert gearbeitet, heute erfolgt ein kollegialer Austausch. Darin sehe ich eine Professionalisierung des Berufs.

Christine Falk-Frühbrodt: Wer sind Ihre Kolleginnen und Kollegen oder anders: Wer wird typischerweise Schulbegleiter/in?

Zafer Polat: Etwa 50 Prozent der mir bekannten Schulbegleiter sind Studierende. Die anderen sind pädagogisch Ausgebildete oder wie ich fachliche Quereinsteiger. Der Beruf passt u.a. gut zu Alleinerziehenden, die nur vormittags arbeiten können. Eine Teilzeitbeschäftigung ist möglich.

Christine Falk-Frühbrodt: Für wie viele Kinder waren Sie schon der Schulbegleiter? Was war die bisher größte Herausforderung?

Zafer Polat: Ich hatte schon 14 Kinder in der Schulbegleitung – alles Jungen. Aktuell betreue ich zwei Kinder. Tatsächlich wird Schulbegleitung von Mädchen viel seltener beansprucht. Von meinem ersten Kind habe ich wohl am meisten gelernt. Es war ein Junge mit geistiger Beeinträchtigung, vermutlich aufgrund von Vorkommnissen bei der Geburt. Er konnte sein Umfeld in einem Moment fröhlich anlachen und im nächsten Augenblick in eine körperliche Auseinandersetzung geraten. Dieses unberechenbare Verhalten war für alle eine große Herausforderung.

Christine Falk-Frühbrodt: Wann endet eine Schulbegleitung?

Zafer Polat: Das Ziel einer Schulbegleitung ist die Selbstständigkeit des Kindes. Es soll lernen, seinen Weg an der Schule eigenverantwortlich zu gehen. Der Schulbegleiter soll sich mit der Zeit überflüssig machen. Ist er das, ist die Maßnahme nicht mehr erforderlich und kann beendet werden. Auch die Eltern des Kindes können eine Schulbegleitung beenden, wenn sie zum Beispiel glauben, dass die Chemie nicht oder nicht mehr stimmt. Einmal ist mir das nach einer intensiven Begleitung eines Asperger-Autisten für mich überraschend passiert. Das muss man akzeptieren, aber es fällt schwer.

Christine Falk-Frühbrodt: Was ist das Schöne an Ihrem Beruf?

Zafer Polat: Ich wollte schon immer mit Menschen arbeiten und genau das mache ich. Das Einlassen auf ein Kind, auf seine Gedanken, Gefühle und seinen Humor ist für mich ein Jungbrunnen, fast schon eine Therapie. Konfuzius sagte: „Wähle einen Beruf, den du liebst und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten“. So fühlt es sich für mich an: Mein Tätigkeit macht mir Spaß. Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann ist das mehr Wertschätzung für uns Schulbegleiter seitens der Lehrer und der Politik und eine leistungsgerechte Bezahlung bei sozialer Absicherung. Aber ich glaube, wir sind da auf einem guten Weg.

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