Lesen durch Schreiben (Schreiben nach Gehör) füllt die Lerntherapiepraxen

Über eine Methode, die funktionieren kann und trotzdem abgeschafft gehört

Wohl keine andere Lese- und Rechtschreiblernmethode ist so umstritten wie das von Jürgen Reichen in den 80er-Jahren entwickelte Schreiben nach Gehör. Der Reformpädagoge nannte seinen Ansatz „Lesen durch Schreiben“ und unter diesem Namen ist er bis heute bekannt. Reichen ging davon aus, dass Kinder umso mehr lernen, je weniger sie belehrt werden. Daher sollten die Erwachsenen nicht korrigierend eingreifen, sondern den Kindern ein eigenständiges Erlernen des Lesens und Schreibens ermöglichen. Beim „Lesen durch Schreiben“ erhalten die Schüler eine Anlauttabelle (z.B. Nuss für N) und schreiben die Wörter anfangs so, wie sie sie hören. Da aber nur etwa sieben Prozent der deutschen Wörter lauttreu geschrieben werden (z.B. Glas), führt Schreiben nach Gehör zu einer Vielzahl von Falschschreibungen. Diese können sich einprägen und Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) begünstigen. Immer mehr Kritiker der Lernmethode fordern daher, Kindern von Anfang an korrekte Rechtschreibung nahezubringen.

Schreiben nach Gehör kann funktionieren

Es wäre falsch, Schreiben nach Gehör als grundsätzlich ungeeignet darzustellen. Dafür gibt es zu viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die mit dieser Methode lesen und schreiben gelernt haben und heute in beiden Bereichen sicher sind. Auch die Autorin dieses Beitrags hat ein Kind, für das „Lesen durch Schreiben“ ein guter Weg zum Lesen und zur Rechtschreibung war. Die ersten selbst verfassten Texte waren voller Fehler, aber nach und nach lernte sie die Rechtschreibung – so wie der Mensch auch das Sprechen und viele andere Fähigkeiten über die Zeit perfektioniert. Lesen lernte unsere Tochter fast schon nebenher, zumindest aber ohne Lernbegleitung durch uns Eltern. Wir stellten nur die Bücher zur Verfügung. „Lesen durch Schreiben“ kann funktionieren. Nur leider zeigt sich das erst im Nachhinein. In jedem Fall erfordert die Methode ein großes Maß an Vertrauen in das Lernpotenzial des Kindes und in die Kompetenzen seiner Lehrer/innen.

Wenn Schreiben nach Gehör nicht funktioniert

Die zunehmende Kritik an der Unterrichtsmethode „Lesen durch Schreiben“ hat einen realen Hintergrund: Eine Studie der Uni Bonn hat ergeben, dass Schüler/innen Rechtschreibung am besten lernen, wenn sie mit der klassischen Fibelmethode unterrichtet werden. Dabei werden schrittweise und unter Anleitung einzelne Buchstaben und Wörter eingeführt. Der Unterricht ist regelgeleitet, systematisch aufeinander aufbauend und von Übungsphasen begleitet. Weniger gut schnitten Kinder ab, deren Deutschlehrer auf „Lesen durch Schreiben“ oder auf die Methode „Rechtschreibwerkstatt“ setzen. Auch diese basiert auf dem eigenverantwortlichen Lernen, wie man es aus offenen Unterrichtsformen kennt.

Wem schadet Schreiben nach Gehör?

Schreiben nach Gehör scheint insbesondere für Legastheniker, Schüler/innen aus bildungsfernen Elternhäusern und Kinder mit fremdsprachlichem Migrationshintergrund problematisch zu sein. Das ist nachvollziehbar, denn diese Kinder benötigen viel mehr Anleitung als Kinder mit günstigeren Lernvoraussetzungen. Eine engmaschige Form der Unterstützung widerspricht jedoch dem Prinzip „Lesen durch Schreiben“, bei dem die Kinder Buchstaben-Laut-Beziehungen eigenständig entdecken, ihrer Kreativität im Umgang mit Buchstaben und Texten folgen sollen und zum Erhalt der Lernmotivation teilweise bis in die dritte Klasse nicht korrigiert werden.

„Lesen durch Schreiben“ benachteiligt ohnehin schon Benachteiligte

Ist es fair, an einer Unterrichtsmethode festzuhalten, wenn damit Kinder benachteiligt werden, die sich ohnehin schon schwer tun mit der deutschen Sprache? Es gibt Schüler/innen, die dank bzw. trotz „Lesen durch Schreiben“ das Lesen und die Rechtschreibung gemeistert haben. Vielleicht sind das aber genau diejenigen Kinder, die mit jeder Methode gut lernen und die auch nicht zwingend eine Lehrkraft dafür brauchen. Eine Lese- und Rechtschreiblernmethode, die zu Verunsicherung bei den Lernenden führt, fördert Lese-Rechtschreibschwäche (LRS). Tatsächlich berichten viele Integrative Lerntherapeuten (IFLW), dass sie einen Teil ihrer Lerntherapiekinder Jürgen Reichen zu verdanken haben. Das ist gut für die Lerntherapiepraxen, aber schlecht für die Kinder. Daher sind auch wir vom IFLW – Institut für integrative Lerntherapie und Weiterbildung für eine bundesweite Abschaffung der Reichen-Methode „Lesen durch Schreiben“.