Wenn Prüfungsangst das Denken blockiert

Schätzungen zufolge leidet fast jeder vierte Schüler an Prüfungsangst.  Lesen Sie, was Eltern und Lehrer tun können, wenn Prüfungsangst das Denken blockiert. 

Was ist Prüfungsangst?

Unter Prüfungsangst versteht man die Aufgeregtheit und Besorgtheit angesichts von Leistungsanforderungen, die selbstwertbedrohlich sein können. Nach wissenschaftlichen Schätzungen hat jeder sechste Schüler bzw. jede vierte Schülerin Prüfungsangst. Schweißausbrüche, zittrige Hände und Fahrigkeit in Prüfungssituationen sich bei vielen Menschen beobachtbar – beim Führerscheinanwärter und beim Schulkind. Aufgeregtheit vor einem Test ist in gewisser Hinsicht normal. Fast jeder kennt dieses Gefühl. Weil Prüfungsangst weit verbreitet ist, unterschätzen viele die negativen Auswirkungen: Betroffene verspüren einen Leidensdruck. Sie erzielen nicht die Leistungen, die ihnen bei freiem Kopf und gelassenem Nachdenken möglich wären. Der gefürchtete Blackout zieht eine schlechte Note nach sich. Diese lässt die Anspannung vor der folgenden Prüfungssituation wachsen. Ein Teufelskreis aus Angst und Misserfolg kann beginnen.

Wenn Angst gut ist

Wenn Künstler vor ihrem Auftritt nervös auf und ab gehen und ständig auf die Uhr schauen, spricht man gemeinhin von Lampenfieber. Dieser Zustand gespannter Erwartung hat positive Auswirkungen: Der Mensch ist sich bewusst, dass etwas Wichtiges ansteht. Er ist wach und richtet seine Aufmerksamkeit auf das Kommende aus. Lampenfieber wird als hilfreich empfunden, wenn es nicht zu stark ist.

Wenn Angst schlecht ist

Während bei Lampenfieber die Konzentration geschärft ist und Wissen abgerufen werden kann, kommt es bei ausgewachsenen Prüfungs- oder Redeängsten zu Handlungs- und Denkblockaden. Die Gedanken fehlen, der Atem stockt, man fühlt sich wie gelähmt. Bei Schulkindern können sich Prüfungsängste in einzelnen Fächern zu einer umfassenden Schulangst auswachsen. Häufig beginnen die Probleme im Fach Mathematik: Das Kind hat Bruchrechnungen nicht verstanden und verhaut eine Arbeit. Passiert dies mehrfach hintereinander, kann es Furcht vor jeder Klassenarbeit entwickeln. Es meint, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Bei andauernd schlechten Noten kann sich gar ein Gefühl der „gelernten Hilflosigkeit“ einstellen. Dann stellt der Schüler seine Bemühungen ein, weil es „eh keinen Sinn hat“. Wenn Ihr Kind Prüfungsangst verspürt, hat es diesen Zustand glücklicherweise noch nicht erreicht.

Wie Eltern helfen können

Die erste Frage sollte die nach den Ursachen der kindlichen Angst sein: Was genau ängstigt das Kind? Prüfungsangst kann sich auf drei Bereiche erstrecken:

1. Angst vor der Prüfungssituation

Das Kind erlebt die kommende Klassenarbeit als etwas Bedrohliches. Es malt sich die Prüfung in den schlimmsten Bildern aus. Diese negativen Vorstellungen beschäftigen den Schüler so stark, dass er sich nicht auf den Schulstoff konzentrieren kann. Statt zu lernen, lenkt er sich mit fernsehen, Gameboy spielen oder telefonieren ab. Manche Kinder geben vor, sich mit Freunden zum Lernen zu verabreden. Tatsächlich findet man sie aber auf dem Fußballplatz.

2. Angst während der Prüfung

Spürt ein Prüfling körperliche Angstsymptome, wie Zittern oder Herzklopfen, sieht er sich durch diese Symptome in seiner Angst bestätigt („Wenn mir jetzt schon der Schweiß den Rücken hinunterläuft, muss es wirklich schlimm sein!“) Die Angst verstärkt sozusagen die Angst. Es kann zum Blackout kommen. Das Kind bekommt dann gar nichts mehr auf das Papier.

3. Angst vor den Folgen einer schlechten Note

Wird ein Kind für schlechte Noten bestraft oder empfindet es die Enttäuschung der Eltern als Vorwurf, lastet Erwartungsdruck auf ihm. Dieser Druck führt in aller Regel nicht dazu, dass sich die verstärkten Anstrengungen des Schülers auszahlen. Im Gegenteil: Das Kind wird nervös und macht mehr Fehler.

Mögliche Ursachen von Prüfungsangst

Die Ursachen von Angst vor Klassenarbeiten können vielfältig sein:

  • mangelndes Selbstwertgefühl
  • Misserfolgserwartungen
  • Überforderung
  • Angst vor den Reaktionen der Eltern
  • Angst vor den Folgen einer schlechten Note
  • ungeeignete Lernstrategien

Maßnahmen gegen Prüfungsangst

1. Positives Denken

Schüler können lernen, negativen Einstellungen bewusst positive Vorstellungen entgegenzusetzen. Aus einem „Das schaffe ich nie!“ wird ein „Ich kann das, ich schaffe das!“ Selbstinstruktionen, also innere Anweisungen, die man sich selbst gibt, helfen Schülern, ihre Aufmerksamkeit auf die Aufgabe zu lenken und störende Gedanken auszublenden. Nach dem Lesen der Aufgabenstellung könnte sich das Kind bewusst fragen: „Was wird hier verlangt? Habe ich Ähnliches schon einmal gemacht?“ Wichtig sind klare Auslösesituationen, d.h. das Kind muss wissen, wann es die formelhaften Sätze zu sich selbst sagt. So könnte es sich für den Fall des gedanklichen Abschweifens den Satz „Ich will mich auf die Aufgabe konzentrieren!“ einprägen. Selbstbestärkung in Form von Selbstinstruktionen schafft Zuversicht und Vertrauen in die eigenen Leistungen und fördert die Konzentrationsfähigkeit.

2. Vorbild sein

Prüfungsangst kann ansteckend sein; ein souveräner Umgang mit Prüfungssituationen aber auch. Darum sollte ein prüfungsängstliches Kind neben einem niedrig prüfungsängstlichen Schüler sitzen. Neben den Klassenkameraden sind aber auch Eltern Vorbilder für ihr Kind. Wenn Sie vor Prüfungen kein Auge zumachen und Ihre Besorgnis deutlich zeigen, wird Ihr Kind in seiner Prüfungsangst bestärkt. Geben Sie vor Ihrem Kind ruhig zu, dass auch Sie vor Prüfungen aufgeregt sind, aber teilen Sie gleichzeitig mit, wie Sie Ihre Aufgeregtheit in den Griff bekommen.

3. Überforderung vermeiden

Andauernd schlechte Noten können darauf hinweisen, dass ein Schüler überfordert ist. Dann sollten sie eine Klassenwiederholung oder einen Schulwechsel nicht ausschließen. Erwarten Sie zu viel von Ihrem Kind? Üben Sie Druck aus? Zeigen Sie Interesse, machen Sie Hilfsangebote, aber erzeugen Sie nicht unnötig Stress. Versuchen Sie, den schmalen Grat zwischen Fördern und Überfordern zu finden.

4. Erwartungsdruck nehmen

Hohe Leistungserwartungen können motivieren und beflügeln. Kann ein Kind diese Leistungen jedoch nicht erbringen, geht der Schuss nach hinten los: Es macht sich schon vor der Klassenarbeit Sorgen über seine Note. Der Kopf ist nicht mehr frei für die Aufnahme und die Reproduktion von Wissen. Was viele Eltern nicht wissen: In Aussicht gestellte Belohnungen für gute Noten können Prüfungsangst hervorrufen. Für das Kind steht in diesem Fall viel auf dem Spiel: Jeder Punkt kann darüber entscheiden, ob es ein begehrtes Spielzeug bekommt oder nicht. Eine kleine Aufmerksamkeit als Anerkennung für eine gute Leistung ist sicherlich nicht falsch. Dem Kind sollte aber nicht schon vor der Klassenarbeit bekannt sein, was es für eine gute Note gibt bzw. was es für eine schlechte Note nicht gibt.

5. Erwerb sinnvoller Lernstrategien

Unsicherheit produziert Angst: Hat ein Prüfling Wissenslücken, muss er befürchten, dass der Prüfer bohrt, wo kein Öl ist. Daher sollten Schüler stets gut vorbereitet in Klassenarbeiten gehen. Das Wissen um den eigenen Lerntyp und die dazu passenden Lerntechniken sind Voraussetzungen für eine optimale Vorbereitung. Darüber hinaus sollten sich Schüler Strategien für die Meisterung der Prüfungsanforderungen zurechtlegen: die Fragestellungen gut durchlesen, mit den leichten Aufgaben beginnen, wenn etwas nicht auf Anhieb klar ist, überlegen, ob etwas Ähnliches um Unterricht behandelt wurde, notfalls nachfragen.

6. Prüfungssituationen simulieren

Die anstehenden Aufgaben sollten vorher durchgespielt werden. Was könnte der Lehrer fragen? Was antworte ich? Erkennt der Schüler, dass der Stoff überschaubar ist, stellt sich Erleichterung ein, denn es kann nur abgefragt werden, was im Unterricht besprochen wurde. Wichtig ist zudem die schrittweise Gewöhnung an Prüfungssituationen. Lassen Sie Ihr Kind zu Hause Diktate in einer prüfungsähnlichen Situation schreiben, also ohne Hilfsmittel und unter Zeitdruck. Sie können auch Klassenkameraden an den Probetests teilnehmen lassen. Wichtig: Fehler sind Informationen darüber, was noch geübt werden muss und nicht Anzeichen von Leistungsversagen. Ihr Kind soll mit einem positiven Gefühl aus der simulierten Prüfungssituation herausgehen: „Ich weiß jetzt, was ich mir noch einmal anschauen muss“ und nicht „Ich kann überhaupt nichts und bleibe am Prüfungstag am besten gleich zu Hause“.

7. Erlernen von Entspannungstechniken

„Gesunder Geist im gesunden Körper“ – Man lernt besser und reagiert gelassener, wenn man sich körperlich wohl fühlt. Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Yoga oder kinesiologische Übungen sind geeignete Methoden für die Zeit vor, während und nach einer Prüfung. Damit können die körperlichen Symptome von Angst reduziert und die Konzentrationsfähigkeit gefördert werden.

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