Hyperaktive Kinder im Unterricht und in der Lerntherapie

Warum Kinder mit ADHS beim Lernen zappeln, wieso das gut ist und wie Lernen in Bewegung geht.

Haben Sie ein hyperaktives Kind oder gar mehrere in Ihrer Klasse oder in der Lerntherapie? Geben Sie ADHS-Kindern Nachhilfe oder sind Sie in das häusliche Lernen Ihres eigenen Zappelkindes eingebunden? Dann haben Sie sich sicherlich schon oft gefragt, wie diese Kinder zum Stillsitzen gebracht werden können, denn dauerndes Wippen mit den Beinen, Ruckeln mit dem Stuhl, Trommeln mit den Fingern oder gar Aufspringen und Umherlaufen macht gute Lernergebnisse unmöglich, so die landläufige Meinung. Aktuelle Studien widerlegen diese Annahme und geben nervlich strapazierten Lehrern, Lerntherapeuten und Eltern nicht nur neue Hoffnung, sondern auch pädagogisch wertvolle Ideen an die Hand. Lesen Sie in unserem neuen Blog-Beitrag, wieso Kinder mit einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung beim Lernen zappeln, warum das ein gutes Zeichen ist und wie Lernen in Bewegung geht.

Zappeln ist bei ADHS sinnvoll

“Sitz still und konzentriere dich!” Diese Aufforderung hören hyperaktive Kinder jeden Tag mehr als nur einmal: tagsüber in der Schule und nachmittags bei den Hausaufgaben oder in der Lerntherapie. Professor Mark D. Rapport von der University of Central Florida hat jedoch herausgefunden, dass eine Reduzierung der Hyperaktivität nicht unser pädagogisches Ziel sein sollte, denn motorische Unruhe in Lernsituationen erfüllt bei Kindern mit ADHS einen Zweck: Es scheint ihnen dabei zu helfen, ihre Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten. Lässt man das Zappeln zu, werden die Leistungen dieser Kinder besser. Professor Rapport und sein Team untersuchten 52 Jungen von acht bis zwölf Jahren, davon 29 mit ADHS-Diagnose, die anderen ohne. Die Kinder sollten an einem Computerbildschirm Aufgaben lösen, bei denen das Arbeitsgedächtnis gefordert ist. Es zeigte sich, dass stärkeres Zappeln bei der Mehrheit der untersuchten ADHS-Kinder zu besseren Arbeitsergebnissen führte. Für Kinder ohne ADHS galt das Gegenteil: Bewegten sie sich mehr, schnitten sie in den kognitiven Tests schlechter ab.

Bei genauer Beobachtung von Kindern mit ADHS wird deutlich, dass das Zappeln besonders stark ist, wenn diese Kinder die exekutiven Funktionen ihres Gehirns nutzen, wenn es also z.B. um bewusste Aufmerksamkeitssteuerung, das Setzen von Zielen und strategische Handlungsplanung geht. Zu den Exekutivfunktionen zählt u.a. das Arbeitsgedächtnis und das wiederum ist zuständig für die Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung sowie den Abruf von aktuellen Informationen und Reizen. Ein gut funktionierendes Arbeitsgedächtnis ist eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiches Lernen. Schüler und Schülerinnen mit ADHS scheinen ihr Gehirn mittels Hyperaktivität in einen wachen und damit lernfähigen Zustand zu versetzen. Kurz gesagt: Kinder mit ADHS müssen zappeln, um zu lernen.

Auch die Sportwissenschaftlerinnen Susanne Ziereis und Prof. Dr. Petra Jansen von der Universität Regensburg haben in Kooperation mit einer Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Rahmen einer Studie nachweisen können, dass Bewegung die Aufmerksamkeit und die Gedächtnisleistung von Kindern mit ADHS verbessert. An der Studie nahmen 43 ADHS-diagnostizierte Kinder im Alter von 7 bis 12 Jahren (32 Jungen und 11 Mädchen) teil. Die Kinder wurden in drei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe durchlief ein motorisches Trainingsprogramm über 12 Wochen, die zweite Gruppe durchlief ein anderes, ebenfalls 12-wöchiges Sportprogramm, die dritte Gruppe war die Kontrollgruppe ohne Sport. Diejenigen Kinder, die der ersten oder zweiten Gruppe zugeteilt waren, zeigten signifikante Leistungssteigerungen im Bereich der kognitiven Funktionen. In der Kontrollgruppe konnten hingegen keine Verbesserungen festgestellt werden. Interessant ist auch, dass die Art der sportlichen Betätigung nicht entscheidend zu sein scheint: Die Kinder der einen Sportgruppe machten andere Übungen als die Kinder der anderen Sportgruppe und dennoch gab es keine bedeutsamen Unterschiede in den Leistungssteigerungen.

Lernen in Bewegung

Wie können Pädagogen und Eltern diese wissenschaftlichen Erkenntnisse nutzen? Sie sollten Kindern mit ADHS auch in Lernsituationen Bewegung ermöglichen. Zu Hause und in der Lerntherapie geht das leicht, denn hier gibt es keine Klassenkameraden, die sich vom Zappeln und den damit verbundenen Geräuschen gestört fühlen könnten. Was aber können Lehrer tun, die das Wohl der ganzen Klasse im Blick behalten müssen und was davon eignet sich auch für die Lerntherapie und das Elternhaus?

Sitzball- oder Sitzkissen

Sitzbälle haben sich bei ADHS zu Hause, in der Schule und in der Lerntherapie bewährt. Viele hyperaktive Kinder kanalisieren damit ihren Bewegungsdrang. Alternativ können Sie es mit einem Sitzkissen versuchen. Diese beinhalten je nach Anbieter Luft, Gel, Kugeln oder Kirschkerne. Sie können auch kleine Kissenbezüge nehmen und diese nach eigenen Vorstellungen befüllen. So kann sich das hyperaktive Kind kaum sichtbar und annähernd lautlos mittels Gewichtsverlagerungen bewegen. Aber Vorsicht: Manchen ADHS-Kindern fällt das Ausgleichen und Balancieren so schwer, dass sie sich mit Sitzkissen erst recht nicht auf den Lernstoff konzentrieren können. Hier hilft nur Ausprobieren.

Kaugummi, Knetball und Wackelstuhl

Ermöglichen Sie einem hyperaktiven Kind oder Jugendlichen störungsfreie Formen der motorischen Beschäftigung: Kaugummikauen löst Spannungen und fördert die Konzentrationsfähigkeit. Ein Knetball kann helfen, überschüssige Energie abzubauen. Von verschiedenen Anbietern sind zudem leicht wippende Stühle und Sitzhocker mit Schwingeffekt erhältlich. Sie können zu Hause, in der Lerntherapie und auch in der Schule verwendet werden.

Zwei Stühle im Klassenraum

Wer als Lehrer/in ein hyperaktives Kind im Unterricht hat, kann es nicht ziellos im Raum herumlaufen lassen. Schnell würden sich die anderen Kinder gestört fühlen oder dieses Verhalten nachahmen. Hat das hyperaktive Kind hingegen zwei Plätze, z.B. einen ganz vorn und einen weiter hinten, könnte es nach Bedarf den Platz wechseln. Es hätte ein festes Ziel, müsste sich nicht jedes Mal erklären und auch die anderen Kinder würden recht bald nicht einmal mehr aufschauen, wenn ihr Klassenkamerad auf dem Weg zu seinem zweiten Stuhl an ihnen vorbeiläuft.

Laufdiktat

Laufdiktate sind eine bewährte Methode des Lernens in Bewegung. Dabei läuft das Kind zu einem Text und prägt ihn sich ein. Dann läuft es zu seinem Tisch zurück und schreibt das Wort oder den Satz aus der Erinnerung auf. Ähnlich kann im Fach Mathematik vorgegangen werden: Das Kind löst eine oder mehrere Rechenaufgaben an seinem Platz und geht dann an einen anderen Ort im Klassenzimmer, um seine Ergebnisse zu kontrollieren. Das kann z.B. ein Tisch sein, auf dem Rechenrahmen stehen.

Tafel- oder Botendienste

Als Lehrer/in könnten sie ein hyperaktives Kind mit Diensten betrauen, die Bewegung erfordern. Das kann z.B. das Holen von Kreide bzw. Whiteboardstiften oder das Austeilen von Heften oder Arbeitsblättern sein. So nutzt das Kind seine Hyperaktivität in produktiver Weise. Es darf sich bewegen und gleichzeitig etwas Sinnvolles für die Gemeinschaft tun.

Bewegungspausen in den Unterricht integrieren

Bewegung fördert die Durchblutung des Gehirns und kommt daher allen Lernenden zugute, nicht nur denen mit ADHS. Integrieren Sie daher kurze, klar angeleitete Bewegungseinheiten in Ihren Unterricht bzw. in die Lerntherapie. Lassen Sie die Kinder aufstehen, sich strecken und über dem Kopf imaginär Äpfel pflücken. Auch Übungen aus der pädagogischen Kinesiologie wie etwa die Liegende Acht, der Schwerkraftgleiter und Überkreuzbewegungen in allen Varianten sind geeignet.

“Mach mehr davon” statt Ermahnungen

Es ist schon viel geholfen, wenn Eltern, Lehrer und Lerntherapeuten wissen, dass die motorische Unruhe von Menschen mit ADHS kein schlechtes Benehmen darstellt, sondern zu ADHS-Betroffenen gehört wie der Kopf und der Arm. Erzwungenes Stillsitzen über einen längeren Zeitraum kostet Hyperaktive viel Energie, die dann nicht für Lernprozesse zur Verfügung stehen kann. Erfolgreiches Lernen ist auch bei ADHS möglich, wenn es mit Bewegung verbunden wird. Statt “Sitz still!” muss die Botschaft an das Kind lauten: “Mach mehr von dem, was dir gut tut!”. Das überaktive Kind muss sich verstanden und angenommen fühlen und es benötigt Bezugspersonen, die gemeinsam mit ihm ausloten, wie es seine Hyperaktivität auch in Lernsituationen leben kann ohne sein Umfeld zu stören. Fragen Sie das Kind, was ihm hilft, zeigen Sie echtes Interesse und Sie werden überrascht sein von den hilfreichen Antworten.

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Dustin E. Sarver, Mark D. Rapport, Michael J. Kofler, Joseph S. Raiker, Lauren M. Friedman: Hyperactivity in Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder (ADHD): Impairing Deficit or Compensatory Behavior? In: Journal of Abnormal Child Psychology, 2015.

Susanne Ziereis, Petra Jansen: Effects of physical activity on executive function and motor performance in children with ADHD. In: Research in Developmental Disabilities, 2014.