ADS/ADHS und Lerntherapie – was Lerntherapeuten wissen sollten

Wer mit ADS/ADHS und Lerntherapie befasst ist oder als Nachhilfelehrer/in Kinder und Jugendliche beim Lernen unterstützt, kennt die typischen AD(H)S-Symptome: Aufmerksamkeitsdefizite, eine gesteigerte, dem Alter nicht entsprechende Impulsivität und im Falle von ADHS auch Hyperaktivität. Vergesslichkeit und eine geringe Frustrationstoleranz sind weitere Merkmale der Störung. Alles zusammen macht eine außerschulische Lernförderung in vielen Fällen unumgänglich. Lesen Sie nachfolgend, wie sich ADS/ADHS auf das Lernen auswirkt, welche Form der Lerntherapie helfen kann und was Lerntherapeuten vermeiden sollten.

Beziehung gestalten und Coach werden

Bei Kindern mit AD(H)S ist einer guter Draht zur Lerntherapeutin eine wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Lerntherapie. Diese Kinder sind selten in der Lage, ihr Verhalten mit rationalen Überlegungen zu steuern (“Rechtschreibung ist doof, aber ich gebe jetzt trotzdem mein Bestes, weil ich besser in Deutsch sein will”). Viel stärker als andere Schüler sind diese Kinder auf ein erwachsenes Gegenüber angewiesen, das Interesse weckt, Spannung erzeugt und ihnen wie ein Coach motivierend zur Seite steht. Wichtig ist der Glaube an die Lern- und Leistungsfähigkeit des Kindes. Das Kind muss spüren, dass wir ihm etwas zutrauen und es benötigt Beweise, dass es auf einem guten Weg ist. Ermutigen Sie, indem Sie Fortschritte aufzeigen und erreichbare Ziele setzen.

Aufbau eines positiven Selbstbildes

Wenn Kinder in die Lerntherapie kommen, haben sie meist einen langen Weg hinter sich. Lehrer, der schulpsychologische Dienst, der Kinderarzt und manchmal auch ein Kinder- und Jugendpsychiater haben das Kind untersucht, getestet, begutachtet und mit Diagnosen versehen. Hinzu kommen Aussagen wie “Du kannst das; du musst nur wollen!”. Damit unterstellt man dem Kind fehlenden Willen. Alles zusammen kann Kinder und Jugendliche nachhaltig verunsichern. Als Lerntherapeut/in können Sie viel für ein gestärktes Selbstwertgefühl und ein positives Selbstbild tun: Ermöglichen Sie dem Kind Lernerfolge, auf die es stolz sein kann. Lassen Sie es Selbstwirksamkeit erleben (“Auch schwierige Aufgaben kann ich schaffen!”). Suchen Sie wie ein Trüffelschwein nach Stärken und machen Sie sie für alle sichtbar.

Förderung der Wahrnehmung

Kindern und Jugendlichen mit ADS/ADHS unterlaufen häufig Fehler, weil sie nicht genau hinschauen, hinhören, wiedergeben und vergleichen. Diese Grundfertigkeiten können im Rahmen einer integrativen Lerntherapie gefördert werden. Mit einer Signalkarte in Form eines Stoppschildes und der Aufforderung “Halt – Stopp – Überprüfen!” kann das Innehalten und Nachdenken vor der eigentlichen Aktion trainiert und der für ADHS typischen Impulsivität entgegengewirkt werden. Viele Lerntherapeuten nutzen auch Spiele, z.B. Differix, Schau genau oder ein Geräusche-Memory. Wahrnehmungsförderung ist ein wichtiger Bestandteil von Lerntherapie bei AD(H)S, sollte aber auf diejenigen Bereiche begrenzt sein, die dem jeweiligen Kind Schwierigkeiten machen. Bei den meisten Kindern ist schon sehr viel erreicht, wenn sie das Lesen und Beachten von Aufgabenstellungen automatisiert haben.

Förderung von Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit

Mit Hilfe der Methode der verbalen Selbstinstruktion können Kinder schrittweise lernen, ihre Aufmerksamkeit zu steuern und sich so besser auf ihre Aufgaben zu konzentrieren. Das Erlernen des “inneren Sprechens” ist Bestandteil des Marburger Konzentrationstrainings (MKT) von Krowatschek und des “Training mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern“ von Lauth & Schlottke. Um beide Programme und um das “Training für Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen” (ATTENTIONER) von Jacobs und Petermann geht es in unserer Fortbildung “Trainer/in bei ADS/ADHS“.

ADS/ADHS und Lerntherapie – besser mit Belohnungssystem

AD(H)S-Betroffene haben häufig störungsbedingte Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen. In der Lerntherapie mit lese-, rechtschreib- oder rechenschwachen Kindern mit ADS/ADHS werden die gleichen Förder- und Therapieprogramme wie bei anderen Kindern eingesetzt. Zusätzlich kommt meist auch ein Belohnungssystem zur Förderung von Motivation und Ausdauer zum Einsatz. Empfehlenswert ist der Kaugummiautomat. Damit kann sich das Kind für ein erwünschtes, klar definiertes Zielverhalten (z.B. ein Arbeitsblatt bis zu Ende bearbeiten) einen symbolischen Kaugummi verdienen. Dieser wird aufgeklebt oder aufgemalt. Sind 20 Kaugummis im Automaten, gibt es eine zuvor in Aussicht gestellte attraktive Belohnung.

Qualifizierung für Lerntherapeuten im Bereich ADS/ADHS

Kinder mit ADS/ADHS haben häufig Lerntherapiebedarf und werden daher von vielen lerntherapeutischen Einrichtungen umworben. Lerntherapie für Kinder und Jugendliche mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom erfordert jedoch besondere fachliche Kompetenzen und eine klare, konsequente und gleichzeitig in sich ruhende Therapeutenpersönlichkeit. Wer darüber (noch) nicht verfügt, sollte sich im eigenen Interesse und auch dem Kind und seinen Eltern zuliebe nicht als “auf ADHS spezialisiert” bezeichnen. Ein hoher Anteil an von ADS/ADHS betroffenen Therapiekindern kann schnell zu Überforderung führen und letztlich dazu, dass diese Kinder nicht die richtige Förderung erhalten. Gehen Sie es ruhig an und bilden Sie sich gezielt fort, z.B. mit unserem Fernstudium “Integrative Lerntherapie in Theorie und Praxis”.