Mehr hyperaktive Kinder wegen Corona?

Hat ADHS in der Pandemie wirklich zugenommen?

Wie Lebensumstände das Verhalten beeinflussen

Am 4. Juni 2021 erschien im SPIEGEL (Ausgabe 23/2021) der Artikel „Was wirklich gegen ADHS helfen könnte“. Darin findet sich die nicht durch Studien belegte Aussage, dass das „Zappelphilipp-Syndrom“ in der Pandemie zugenommen habe. Es wird auf die Aussagen einiger Kinderärztinnen und eines Psychotherapeuten Bezug genommen, welchen verstärkt Kinder mit psychischen Belastungen und Verhaltensauffälligkeiten vorgestellt werden. Aber führen zeitlich begrenzte schwierige Lebensumstände tatsächlich zu einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung? Oder ist es vielmehr so, dass Kinder mit ADHS sowie ihre Familien in Zeiten von „Wir bleiben zu Hause“ besonders leiden und ihre Schwierigkeiten wie unter einem Brennglas verstärkt werden?

Was Corona für Kinder mit ADHS besonders schwierig macht

Kinder mit ADHS und ihre Familien befinden sich seit dem ersten Lockdown in einer herausfordernden Situation. Wer Bewegung und einen strukturierten Tagesablauf benötigt wie die Luft zum Atmen, fühlt sich nicht wohl, wenn beides plötzlich nur noch sehr eingeschränkt möglich ist. Aktuell erleben wir eine wohltuende Rückkehr zur Normalität, aber ob das so bleibt oder wir im Herbst eine vierte Welle erleben werden, weiß aktuell niemand sicher. Tatsache ist, dass Kinder mit ADHS Strukturen und damit Halt benötigen. Die Schule, der Hort sowie Sport- und Freizeitangebote bieten einen verlässlichen Rahmen. Fällt dieser plötzlich weg, muss das zu Schwierigkeiten führen. Hinzu kommt, dass Eltern im Homeoffice geringere Kompensationsmöglichkeiten haben. Wie sollen sie arbeiten und gleichzeitig ihre Kinder so anleiten, wie es Kinder mit ADHS nun einmal benötigen?

Nicht jedes Zappeln ist ADHS

Die Diagnose ADHS fußt allein auf Verhaltensbeobachtungen in unterschiedlichen Lebensbereichen und auf Bewertungen dieser Verhaltensweisen. Es gibt nach wie vor keinen körperlichen Test, der ADHS nachweisen könnte. Das kann dazu führen, dass ausgeprägte, von Erwachsenen als störend empfundene körperliche Aktivität und Impulsivität vorschnell für ADHS gehalten werden. Bedarf das Kind einer Behandlung oder können Veränderungen in seinen Lebensumständen die Situation für alle Beteiligten leichter machen? Manchmal hilft ein von Bewegung und Struktur geprägtes Hobby (z.B. Judo), eine Familienhilfe vom Jugendamt oder ein Umzug in ein Umfeld, in dem Kinder so sein dürfen, wie sie in ihrer aktuellen Lebensphase nun einmal sind. Tatsache ist: Nicht jedes mit ADHS in Verbindung gebrachte Verhalten bedarf einer medizinischen Behandlung. Es ist jedoch immer ein Anlass, sich die Situation eines Kindes genauer anzuschauen. So können individuelle Lösungen gefunden werden.

Eltern beraten und stärken

Ein besonders nachhaltiger Weg, die Situation von Familien mit ADHS zu verbessern, ist die Beratung und das Training der Eltern. Mit unseren Fernstudiengängen „Elternberatung bei ADS/ADHS“  und „Elterntraining bei ADS/ADHS“ lernen Sie das kompetente Beraten von Eltern AD(H)S-betroffener Kinder und erhalten ein bewährtes Konzept für die Leitung von Elterntrainings. Ein Beratungs- und Kursangebot zum Thema AD(H)S kann z.B. das Angebot einer Praxis für Lerntherapie, Ergotherapie oder Heilpädagogik sinnvoll ergänzen. Oder Sie machen sich als Elternberater/in oder Elterntrainer/in bei ADS/ADHS selbstständig, wie es unsere Absolventin Bianca Heyne gemacht hat.

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