Kann man von Lerntherapie leben? Lerntherapie als Vollzeittätigkeit

Kann man von Lerntherapie leben? Lerntherapie als Vollzeittätigkeit

Gerade hat uns eine Interessentin unseres Fernstudiums „Integrative Lerntherapie in Theorie und Praxis“ diese Frage gestellt:

Kann man von Lerntherapie leben oder eignet sich eine Tätigkeit als Lerntherapeutin oder Lerntherapeut nur als Nebenverdienst?

Hinter dieser Frage steht eine nachvollziehbare Überlegung: Lerntherapie richtet sich überwiegend an Schulkinder. Schulkinder sind vormittags in der Schule und können folglich erst am Nachmittag in die lerntherapeutische Praxis kommen. Wie soll man unter diesen Voraussetzungen eine Vollzeittätigkeit aufbauen?

Tatsächlich sind viele Lerntherapeuten nebenberuflich oder in Teilzeit tätig. Daraus wird mitunter der Schluss gezogen, eine hauptberufliche Tätigkeit sei in der Lerntherapie grundsätzlich nicht möglich. Das ist nicht der Fall. Wer Lerntherapie nicht ausschließlich als nachmittägliche Einzeltherapie mit Schulkindern versteht, findet auch für die Vormittagsstunden zahlreiche Tätigkeitsmöglichkeiten.

Lesen Sie in diesem Blogbeitrag, wie eine Vollzeittätigkeit als Lerntherapeutin bzw. Lerntherapeut aussehen kann und was Lerntherapeuten vormittags machen.

Ausbildung: Integrative Lerntherapie in Theorie und Praxis

Weiterbildung per Fernstudium für alle, die lerntherapeutisch arbeiten und sich auf eine spätere Zertifizierung als Integrative/r Lerntherapeut/in (IFLW) vorbereiten möchten.

Lerntherapie findet überwiegend am Nachmittag statt

Zunächst lässt sich nicht bestreiten, dass ein großer Teil der klassischen Lerntherapie am Nachmittag stattfindet. Kinder mit Lese-Rechtschreibschwäche, Rechenschwäche, ADHS oder anderen Lernschwierigkeiten besuchen vormittags die Schule und kommen üblicherweise erst nach Schulschluss in die lerntherapeutische Praxis.

Wer sich unter der Tätigkeit eines Lerntherapeuten vorstellt, von montags bis freitags im Stundentakt Einzeltherapien durchzuführen, stößt auf ein zeitliches Problem. Ein achtstündiger Arbeitstag lässt sich auf diese Weise kaum organisieren. Schließlich können nicht sämtliche Therapiekinder um 9, 10 oder 11 Uhr morgens erscheinen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Lerntherapie nur nebenberuflich ausgeübt werden kann. Eine Tätigkeit als Lerntherapeutin kann nicht auf die unmittelbare Arbeit am Kind reduziert werden. Auch ein Psychotherapeut, Lehrer oder Sozialpädagoge verbringt nicht jede Minute seiner Arbeitszeit im direkten Kontakt mit Patienten, Schülern oder Klienten. Zur professionellen lerntherapeutischen Tätigkeit gehören neben den eigentlichen Therapiestunden unter anderem Diagnostik, Förderplanung, Vor- und Nachbereitung, Dokumentation, Elternberatung, Gespräche mit Lehrkräften und anderen Fachkräften sowie organisatorische Tätigkeiten.

Bei selbstständig tätigen Lerntherapeuten kommen Praxisorganisation, Terminplanung, Abrechnung, Buchhaltung, Öffentlichkeitsarbeit und die Pflege von Kontakten und Kooperationen hinzu.

Was machen Lerntherapeuten vormittags?

Die Frage müsste deshalb eigentlich nicht lauten, ob Lerntherapeuten vormittags arbeiten können, sondern welche ihrer Tätigkeiten sich sinnvoll in die Vormittagsstunden legen lassen.

Eine Möglichkeit ist die Diagnostik. Lerntherapeuten führen je nach Qualifikation und Arbeitsgebiet beispielsweise Lese-, Rechtschreib- und Rechentests durch, erheben die Lernvoraussetzungen eines Kindes und erstellen auf dieser Grundlage eine individuelle Förderplanung. Diagnostische Termine können durchaus am Vormittag stattfinden.

Auch Elterngespräche, Gespräche mit Lehrkräften, Fallbesprechungen und Kontakte zu Jugendämtern oder anderen beteiligten Stellen müssen nicht am späten Nachmittag durchgeführt werden. Gerade bei einer größeren Zahl von Therapiekindern nimmt dieser Teil der Tätigkeit einen nicht unerheblichen Umfang ein.

Hinzu kommen Vorbereitung, Dokumentation und Förderplanung. Eine qualifizierte Lerntherapie besteht nicht darin, ein Arbeitsblatt aus dem Schrank zu nehmen, 60 Minuten mit dem Kind zu arbeiten und anschließend auf das nächste Kind zu warten. Lerntherapeutische Maßnahmen müssen geplant, auf den Lernstand abgestimmt, ausgewertet und im Verlauf immer wieder angepasst werden.

Lerntherapie am Vormittag in Schulen

Besonders interessant für hauptberuflich tätige Lerntherapeuten ist die Zusammenarbeit mit Schulen.

Lerntherapeutische Förderung muss keineswegs ausschließlich in einer eigenen Praxis und nach Schulschluss stattfinden. Lerntherapeuten können auch unmittelbar in Schulen tätig sein und Kinder dort während des Schulvormittags einzeln oder in Kleingruppen fördern.

Für Lerntherapeuten ergeben sich daraus Arbeitsmöglichkeiten zu Zeiten, zu denen eine klassische Praxis mit Schulkindern normalerweise nur schwer auszulasten wäre. Wer beispielsweise an mehreren Vormittagen in der Woche mit Schulen kooperiert und am Nachmittag Therapiekinder in der eigenen Praxis betreut, kann seine Arbeitszeit wesentlich gleichmäßiger verteilen.

Die zunehmende Zusammenarbeit zwischen Lerntherapie und Schule ist nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht interessant. Sie ermöglicht einen unmittelbaren Austausch zwischen Lerntherapeut und Lehrkraft. Schwierigkeiten und Lernfortschritte eines Kindes können schneller besprochen und Fördermaßnahmen besser aufeinander abgestimmt werden.

Lerntherapie mit Kindergarten- und Vorschulkindern

Auch jüngere Kinder kommen als Klienten in Betracht. Schwierigkeiten beim späteren Lesen, Schreiben und Rechnen entstehen nicht plötzlich am ersten Schultag. Bereits im Kindergarten- und Vorschulalter lassen sich Entwicklungsrückstände und Schwierigkeiten bei wichtigen Vorläuferfertigkeiten beobachten.

Je nach beruflicher Grundqualifikation und Tätigkeitsschwerpunkt können Lerntherapeuten deshalb auch präventiv mit Kindergarten- und Vorschulkindern arbeiten. Solche Förderangebote lassen sich am Vormittag durchführen und können sowohl in der eigenen Praxis als auch in Kooperation mit Kindertagesstätten oder anderen Einrichtungen stattfinden.

Damit erweitert sich das mögliche Tätigkeitsspektrum über die klassische Therapie eines Schulkindes mit bereits ausgeprägter Lese-Rechtschreib- oder Rechenschwäche hinaus.

Kann man als Lerntherapeutin auch angestellt arbeiten?

Mit dem Beruf des Lerntherapeuten wird häufig die eigene Praxis verbunden. Viele Lerntherapeuten sind tatsächlich selbstständig tätig. Eine Selbstständigkeit ist jedoch keineswegs die einzige Möglichkeit.

Lerntherapeuten können beispielsweise in lerntherapeutischen Praxen und Instituten, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, pädagogischen Einrichtungen oder im schulischen Umfeld tätig sein. Dabei gibt es sowohl Teilzeit- als auch Vollzeittätigkeiten.

Eine Vollzeitstelle muss nicht aus 40 Stunden unmittelbarer Lerntherapie bestehen. Neben der Arbeit mit Kindern können Diagnostik, Elternarbeit, Kooperation mit Schulen und Jugendämtern, Dokumentation, organisatorische Tätigkeiten, Konzeptentwicklung oder Leitungsaufgaben zum Stellenprofil gehören.

Welche Stellen für eine Lerntherapeutin in Frage kommen, hängt immer auch von der beruflichen Grundqualifikation ab. Eine Sozialpädagogin mit lerntherapeutischer Zusatzqualifikation bringt andere Voraussetzungen für bestimmte Arbeitsfelder mit als beispielsweise ein Lehrer, eine Psychologin oder eine Erzieherin.

Selbstständig als Lerntherapeutin in Vollzeit arbeiten

Auch eine vollständig selbstständige Tätigkeit als Lerntherapeutin bzw. Lerntherapeut ist möglich. Wer davon seinen Lebensunterhalt bestreiten möchte, sollte allerdings anders planen als jemand, der lediglich zwei oder drei Kinder pro Woche zusätzlich zu seinem Hauptberuf betreut.

Eine Möglichkeit besteht darin, verschiedene Tätigkeitsfelder miteinander zu verbinden. So können beispielsweise die Vormittage für Kooperationen mit Schulen und Kindertagesstätten, Diagnostik, Elterngespräche, Förderplanung und Praxisorganisation genutzt werden, während am Nachmittag die klassischen lerntherapeutischen Einzeltermine stattfinden.

Denkbar sind außerdem Gruppenangebote, Elternberatung, Vorträge und Fortbildungen oder – bei entsprechender Qualifikation – weitere pädagogische, beratende oder therapeutische Leistungen.

Wer hauptberuflich selbstständig tätig ist, muss darüber hinaus berücksichtigen, dass nicht jede Arbeitsstunde eine unmittelbar mit einem Klienten abrechenbare Stunde ist. Das ist allerdings keine Besonderheit der Lerntherapie, sondern bei nahezu jeder selbstständigen Tätigkeit der Fall.

Wie viele Therapiekinder braucht man, um von Lerntherapie leben zu können?

Eine pauschale Antwort auf diese Frage wäre unseriös. Entscheidend sind unter anderem das verlangte Honorar, die Zahl der Termine pro Woche, die Höhe der Praxiskosten, mögliche Kooperationen und zusätzliche Einnahmequellen sowie die persönliche Lebenssituation.

Hinzu kommt, dass Umsatz nicht mit Einkommen gleichgesetzt werden darf. Von den Einnahmen einer selbstständigen Praxis müssen unter anderem betriebliche Ausgaben, Versicherungen, Steuern und gegebenenfalls Kosten für Praxisräume bezahlt werden. Auch Urlaubszeiten, Feiertage und kurzfristig abgesagte Termine müssen bei einer wirtschaftlichen Planung berücksichtigt werden.

Nebenberuflicher Einstieg und späterer Ausbau

Nicht jeder, der später hauptberuflich als Lerntherapeut arbeiten möchte, muss diesen Schritt von heute auf morgen vollziehen. Bei einer geplanten Selbstständigkeit kann ein nebenberuflicher Einstieg sinnvoll sein.

Wer zunächst einige Therapiekinder übernimmt, sammelt praktische Erfahrungen, knüpft Kontakte zu Eltern, Schulen und anderen Fachkräften und kann sich nach und nach einen Klientenstamm aufbauen. Steigt die Nachfrage, lässt sich die bisherige Berufstätigkeit reduzieren und die Lerntherapie ausweiten.

Aus einer zunächst nebenberuflichen Tätigkeit kann auf diese Weise schrittweise ein neuer beruflicher Schwerpunkt oder eine vollständige Selbstständigkeit entstehen.

Lerntherapie ist nicht nur ein Nebenverdienst

Manche Teilnehmer unseres Fernstudiums möchten später einige Stunden pro Woche lerntherapeutisch arbeiten. Andere möchten ihre bisherige pädagogische, psychologische oder therapeutische Tätigkeit durch lerntherapeutische Kenntnisse ergänzen. Wieder andere planen von Anfang an, sich mit einer eigenen lerntherapeutischen Praxis selbstständig zu machen oder eine hauptberufliche Tätigkeit in diesem Bereich aufzunehmen.

Lerntherapie bietet Raum für alle diese Modelle.

Dass die meisten Schulkinder vormittags in der Schule sind, spricht nicht gegen eine Vollzeittätigkeit als Lerntherapeutin oder Lerntherapeut. Es bedeutet lediglich, dass eine hauptberufliche Tätigkeit anders organisiert werden muss als eine kleine nebenberufliche Praxis, in der ausschließlich nachmittags Einzeltherapien angeboten werden.

Wer Schulen und andere Einrichtungen als Kooperationspartner einbezieht, Diagnostik und Beratung anbietet, Vor- und Nachbereitung als selbstverständlichen Bestandteil professioneller Lerntherapie berücksichtigt und unterschiedliche Tätigkeitsfelder miteinander verbindet, kann auch hauptberuflich lerntherapeutisch arbeiten.

Lerntherapie kann ein Nebenverdienst sein. Sie muss es aber nicht bleiben.

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