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Hochbegabte in der Lerntherapie: Anlässe und Förderansätze

Lesen Sie in diesem Blog-Beitrag, was unter Hochbegabung verstanden wird, warum manche hochbegabte Kinder und Jugendliche einen lerntherapeutischen Förderbedarf haben und welche Förderansätze für Hochbegabte in der Lerntherapie geeignet sind.

Hochbegabte in der Lerntherapie? Für viele ist das ein Widerspruch. Zu verbreitet ist das Bild vom bebrillten Überflieger, der jede schulische Anforderung mit Leichtigkeit meistert und in der Freizeit virtuos Geige, Schach und Tennis spielt. Wer aber aufgrund von Lern- und Leistungsschwierigkeiten eine Lerntherapie in Anspruch nimmt, der kann doch unmöglich einen hohen IQ haben, so die landläufige Meinung.

Wo beginnt Hochbegabung?

Wer in einem Intelligenztest einen IQ (Intelligenzquotienten) von über 130 erzielt, gilt als intellektuell hochbegabt. In den IQ-Wert können jedoch nur die in der Testsituation gezeigten intellektuellen Fähigkeiten einfließen. Ist der Getestete während des Tests nicht ganz bei der Sache, so steht am Ende ein IQ, der unterhalb des wahren Potenzials des Kindes, Jugendlichen oder Erwachsenen liegt. In diesem Fall kann ein weiterer Intelligenztest mit einem anderen oder demselben Verfahren sinnvoll sein. Jedoch führen Nachtestungen zu Trainingseffekten, die ihrerseits das Ergebnis verfälschen, dann aber in Richtung eines höheren Wertes. Wichtig zu wissen ist, dass der IQ nur ein Testergebnis ist und dass dieser Wert und auch die intellektuellen Fähigkeiten eines Menschen mit Training verbessert werden können.

Schwierigkeiten hochbegabter Kinder

Asynchrone Entwicklung

Die Entwicklung von hochbegabten Kindern verläuft in der Regel asynchron. Das bedeutet, dass sich mehrere Fähigkeiten nicht in der gleichen Geschwindigkeit entwickeln. Hochbegabte Kinder sind intellektuell weit voraus, aber emotional und sozial meist altersgerecht entwickelt. Sie sind schon früh zu abstrakten Denkleistungen in der Lage, beeindrucken mit erstaunlichen Ein- und Ansichten, philosophieren über den Sinn des Lebens, können aber wegen einer versagten Süßigkeit genauso schnell in Tränen ausbrechen wie andere Kinder gleichen Alters. Viele hochbegabte Kinder bevorzugen ältere und damit intellektuell ebenbürtige Kinder als Gesprächs- und Spielpartner. Jedoch werden sie von diesen aufgrund ihres noch kindlichen Verhaltens oft ausgegrenzt. Auch deshalb haben hochbegabte Kinder häufig das Gefühl, nirgends richtig dazu zu gehören.

Verstecken von Begabungen

Die meisten Menschen und insbesondere Kinder sehnen sich nach Gemeinschaft und Anerkennung. Hochbegabte Kinder machen manchmal die Erfahrung, dass ihr Naturell den Kontakt zu möglichen Spielkameraden erschwert. Wer anders denkt und spricht, ausgefallene Hobbys hat oder sich ungewöhnlich verhält, der kann Vorbehalte auslösen. Um nicht ausgegrenzt zu werden, verstecken manche Kinder ihre besonderen Begabungen, Interessen und Fähigkeiten. Sie passen sich den anderen Kindern an und versuchen, möglichst unauffällig zu bleiben. Dieser selbst auferlegte Anpassungsdruck kann sogar zu schlechten Schulnoten führen. Manchen hochbegabten Kindern ist das lieber als ein Streberstatus.

Intellektuelle Unterforderung

Werden die intellektuellen Bedürfnisse eines Kindes dauerhaft vernachlässigt, so führt dies zu quälender Langeweile und manchmal auch zu einem Gefühl der inneren Leere. In der Schule schalten diese Kinder geistig ab, wenn mehrfach derselbe Stoff erklärt wird oder etwas geübt werden soll, was längst geläufig ist. Mitunter werden unterforderte Hochbegabte auch verhaltensauffällig, stören den Unterricht und wirken somit noch weniger wie Kinder mit besten Voraussetzungen für Schulerfolg. Mangelt es intellektuell hochbegabten Kindern an geistigen Herausforderungen, so lässt die schulische Motivation nach und die Leistungen entsprechen immer weniger dem, was angesichts des IQs möglich wäre. Fachleute nennen diesen Zustand „Underachievement“ (Minderleistung). Dieses Problem der mangelnden Motivation und Leistungsbereitschaft zeigt sich meist nur bei fremdbestimmten Aktivitäten wie z.B. dem gemeinsamen Lernen im Schulunterricht. Bei eigenbestimmten Aktivitäten in der Freizeit können hochbegabte Kinder hingegen sehr engagiert und erfolgreich sein.

Schulische Fördermaßnahmen für Hochbegabte

In der Schule gibt es zwei grundlegende Maßnahmen zur Förderung hochbegabter Schüler: Akzeleration und Enrichment. Unter Akzeleration (Beschleunigung) wird eine frühe Einschulung und ein Überspringen von Klassen verstanden. Dieses schnellere Durchlaufen der Schullaufbahn ist Kindern anzuraten, die Gleichaltrigen intellektuell weit voraus sind und deren emotional-soziale Reife dem nicht entgegensteht. Zeigt sich die besondere Begabung eines Kindes in nur einem Fach, ist eine fachbezogene Akzeleration oder eine außerschulische Förderung geeigneter.

Beim Enrichment (Anreicherung) erhalten hochbegabte Schüler zusätzliche Lernangebote. Sie bearbeiten den Stoff des Lehrplans auf einer tieferen Ebene (vertikales Enrichment) oder sie befassen sich mit zusätzlichen, nicht im Lehrplan stehenden Lerninhalten (horizontales Enrichment). Eine Kombination aus Akzeleration und Enrichment kann im Sinne einer heutzutage in vielen Schulen selbstverständlichen Binnendifferenzierung hochbegabten Kindern eine angemessene akademische Förderung in der Regelschule ermöglichen.

Wann benötigen hochbegabte Kinder eine Lerntherapie?

Lerntherapie wird meist bei Lese- und Rechtschreibschwäche (Legasthenie) oder Rechenschwäche (Dyskalkulie) in Anspruch genommen. Das ist bei hochbegabten Kindern nicht anders, denn eine hohe Intelligenz schützt nicht vor Teilleistungsschwächen im Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen. Hochbegabte nehmen neues Wissen überwiegend beiläufig und unstrukturiert auf. Sie punkten in den Bereichen Logik und Transferwissen, versagen aber beim Auswendiglernen und Üben. Das geht meist nur in den ersten Klassen gut, wenn sich Schulerfolg so gut wie ohne Anstrengungen einstellt. Danach müssen auch hochbegabte Kinder das Lernen lernen, sonst droht Underachievement. In einer Lerntherapie können diese Schüler zu ihrem Denk- und Lernstil passende Lerntechniken kennen und anwenden lernen, um die durch Abschalten im Unterricht entstandenen Lücken zu schließen und sich neuen Schulstoff strukturiert anzueignen.

Lerntherapeutische Fördermöglichkeiten für Hochbegabte

In einer Lerntherapie für Hochbegabte müssen Inhalte, Materialien und Lernwege gefunden werden, die zu den Interessen des Schülers und seiner Art zu denken passen. Über Gespräche und Beobachtungen kann eine Lerntherapeutin ein Gespür dafür bekommen, unter welchen Bedingungen schulrelevantes Lernen besser gelingt. Im Bereich der Rechtschreibung haben sich regelgeleitete Förderprogramme wie z.B. das Marburger Rechtschreibtraining bewährt. Bei Rechenschwäche kann kein spezielles Programm empfohlen werden, weil hier zunächst das individuelle mathematische Denkmuster erkannt werden muss. Welche irrigen Vorstellungen führen zu falschen Rechenergebnissen? Welche arithmetischen Basisfakten hat das hochbegabte Kind aufgrund mangelnder Übung noch nicht automatisiert? Erst nach Klärung dieser Fragen können Förderziele und Förderwege festgelegt und die passenden Fördermaterialien ausgewählt werden. Bei der inhaltlichen Ausgestaltung von Lerntherapiestunden für Hochbegabte sind diese Grundsätze wichtig:

Fördern, aber nicht überfordern

Erfährt eine Lerntherapeutin, dass eines ihrer Therapiekinder hochbegabt ist oder stellt sie dies selbst fest, kommt es häufig vor, dass sie den Schwierigkeitsgrad der Übungen im Vertrauen auf die überdurchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten des Kindes zu hoch wählt. Jedoch dürfen auch hochbegabte Kinder im Bereich ihrer Defizite nicht überfordert werden. Ein hochbegabtes Kind mag sich sehr für Astronomie interessieren. Hat es eine Leseschwäche, wäre ein wissenschaftlicher Text über die Struktur der Milchstraße dennoch kein geeignetes Material für ein Lesetraining.

Auch an der Arbeitshaltung arbeiten

Neben der Vermittlung von Lernstrategien muss in einer Lerntherapie für Hochbegabte die Arbeitshaltung des Kindes bzw. Jugendlichen verbessert werden. Wer sich lieber mit seinen Spezialinteressen beschäftigt und Langeweile angesichts Routineaufgaben verspürt, vernachlässigt die Hefterführung, die Ordnung im Schulranzen und das Führen des Hausaufgabenhefts. Hier können Lerntherapeuten als Coach wirken und den hochbegabten Schüler schrittweise zu einer günstigeren Arbeitshaltung führen.

Dem Kind geistiges Futter bieten

Eine Lerntherapie kann nur erfolgreich sein, wenn sie dem Kind bzw. Jugendlichen Spaß macht. Hochbegabte lieben geistiges Futter. Daher sollten Lerntherapeuten Logikrätsel, Knobelaufgaben und kognitiv herausfordernde Spiele in die Lerntherapiestunden ihrer hochbegabten Therapiekinder integrieren. Fünf Minuten am Beginn der Stunde und fünf Minuten am Ende sind eine lohnende Investition, denn dann wird das Kind die dazwischen liegende Übungsphase besser bewältigen und mit einem guten Gefühl und mit Vorfreude auf die nächste Therapiestunde nach Hause gehen.

Weiterbildungen zu den Themen Hochbegabung und Lerntherapie

Sie möchten mehr über Hochbegabung und Lerntherapie erfahren, um hochbegabte Kinder besser erkennen und fördern zu können? Dann empfehlen wir Ihnen den Fernstudiengang „Hochbegabung in Theorie und Praxis“ und das Fernstudium „Integrative Lerntherapie in Theorie und Praxis“.

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