Sich selbst erfüllende Prophezeiungen in der Schule

Worte prägen sich ein

Manche Sätze graben sich so tief in das Unterbewusstsein ein, dass man sie nie wieder los wird: „Mathe liegt dir einfach nicht“, „Du bist unmusikalisch“ oder „Die Faulheit steckt dir in den Knochen“. Wer noch klein ist und den Worten der „Großen“ nichts entgegensetzen kann, saugt Erwachsenenwissen wie ein Schwamm auf. Für Kinder macht es keinen Unterschied, ob der Lehrer sagt, dass Bananen Obst und Mädchen ungeschickt sind. Beides wird geglaubt. Lehreraussagen und -erwartungen beeinflussen das Selbstkonzept und die Selbsterwartungen von Schülern und können zu einer „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“ führen. Die Wahrsagung tritt ein und bestätigt das Vorurteil. Schon Gandhi soll gesagt haben: „Der Mensch wird oft zu dem, was er zu sein glaubt.“ Traut man einem Kind viel zu, wird es an seine Fähigkeiten glauben und weit kommen; traut man ihm wenig zu, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Startlöchern stecken bleiben.

Der Rosenthal-Effekt

1968 veröffentlichte der amerikanische Psychologe Robert Rosenthal seine klassische Studie zur Rolle der Lehrererwartungen. Er unterzog Schüler einem Intelligenztest und wählte nachfolgend jedes fünfte Kind nach dem Zufallsprinzip aus. Diese wurden den Lehrern als viel versprechende Talente vorgestellt. Schnelles „intellektuelles Wachstum“ und erhebliche Leistungssteigerungen seien zu erwarten. Vier Monate später konnten bei den angeblich besonders talentierten Kindern signifikant höhere IQ-Steigerungen nachgewiesen werden. Es braucht nicht viel, um sich die Auswirkungen negativer Lehrererwartungen auszumalen. Worte allein können Versagensängste auslösen und die Leistungsfähigkeit einschränken. Je geringer die Erwartungshaltung, umso weniger können sich Fähigkeiten entwickeln. Und mancher Schüler denkt sich auch: „Wenn mich der Lehrer für dumm hält, werde ich ihn nicht vom Gegenteil überzeugen können. Wozu soll ich mich da noch anstrengen?“

Sich selbst erfüllenden Prophezeiungen auf der Spur

Vorurteile sind normal. Schubladendenken erleichtert die Orientierung in einer komplexen Welt. Wichtig ist, sich dieser Prozesse bewusst zu werden. Zeigt Peter im Moment nicht vollen Einsatz oder ist er faul? Hat Luise heute ein starkes Mitteilungsbedürfnis oder ist sie verquatscht? Ist Kevin ein „langsamer Lerner“ oder habe ich es ihm nicht deutlich genug erklärt? Ein ständiger Abgleich unserer Überzeugungen mit der Realität bewahrt vor Ungerechtigkeiten. Neben Worten können unser Tonfall, unsere Gestik und Mimik negative Erwartungen aussenden. Optimistische Worte klingen unglaubwürdig, wenn wir unsere Stirn in Falten legen und ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch herumtrommeln. Ziehen Sie nach Möglichkeit Kollegen zur Beobachtung heran. Da die nonverbale Kommunikationsebene nur bedingt willentlich beeinflussbar ist, müssen wir auch unsere Einstellung zum Kind ändern.

Schatzsuche statt Fehlersuche

Jedes Kind hat Stärken. Es lohnt sich sie aufzuspüren. Denken Sie an das Kind, das Ihnen im Moment die größten Sorgen bereitet. Was kann es gut? Wo sind positive Ansätze? Lässt sich diese besondere Kompetenz im sozialen Miteinander oder im intellektuellen Bereich nutzen? Es kann hilfreich sein, einige Wochen über die guten Seiten eines bestimmten Schülers Tagebuch zu führen. Das kann unsere Meinung über dieses Kind entscheidend zum Positiven verändern. Kinder entwickeln sich mit hoher Geschwindigkeit. Der erste Eindruck ist morgen schon veraltet. Was gestern war, gilt heute nicht mehr. Stigmatisierungen zerstören Kommunikation; ein unvoreingenommenes Wesen, die Bereitschaft, sich immer wieder aufs Neue überraschen zu lassen und eigene Überzeugungen zu hinterfragen, halten die Tür zum Kind offen.

Mit Worten Perspektiven eröffnen

Worte können einschränken und kleinmachen, aber ebenso gut stark und mutig machen. Vergleichen Sie „Du bist ein schlechter Schüler“ mit „Hier kannst du dich noch verbessern“ oder „Das Abitur ist für dich unerreichbar“ mit „Du kannst es schaffen, wenn du in den nächsten sechs Monaten zwei Stunden pro Tag Unterrichtsinhalte nachbereitest“. Belegen Sie Kritik mit konkreten Beobachtungen: „Ich sehe, dass ihr drei euch unterhaltet.“ Das legt weniger fest als ein pauschales „Immer stört ihr den Unterricht“. Nutzen Sie jede Gelegenheit, gute Ansätze mit gezieltem Lob und ehrlicher Zuversicht zu verstärken. Positivmeldungen an die Eltern können einen wahren Schneelawineneffekt auslösen: Mutter und Vater gehen sofort anders um mit dem Kind. Dieses wird das lobenswerte Verhalten in Zukunft häufiger zeigen. Es ist wie mit dem Korn im Acker: Mit der richtigen Mischung aus Sonne, Wasser und Dünger kann daraus eine Pflanze mit tiefen Wurzeln wachsen. Doch eines braucht es noch: den Glauben daran, dass der Samen gut und die ganze Mühe nicht umsonst ist.