Lerntherapie trotz CORONA: Interview mit Susanne Seyfried, Lehrerin und Online-Lerntherapeutin

Unabhängig als Lerntherapeut: Susanne Seyfried über Bürokratie, Selbstzahler und Standbeine abseits des Jugendamts

Christine Falk-Frühbrodt im Gespräch mit der integrativen Lerntherapeutin Susanne Seyfried

Lerntherapie kann unter bestimmten Voraussetzungen über §35a SGB VIII (Eingliederungshilfe) vom Jugendamt bezahlt werden. Viele Lerntherapeutinnen interessieren sich für eine diesbezügliche Zusammenarbeit, denn eine staatliche Kostenübernahme kann für manche Familien eine entscheidende Unterstützung darstellen. Gleichzeitig sollte beachtet werden, dass eine Praxis für Lerntherapie insbesondere in Zeiten von Kürzungen im sozialen Bereich auf mehreren Füßen stehen muss.

Wir haben mit der Lerntherapeutin Susanne Seyfried das nachfolgende Interview geführt. Sie arbeitet nicht mehr mit dem Jugendamt zusammen. Uns interessieren ihre Beweggründe und die verschiedenen Wege, als Lerntherapeutin auch finanziell erfolgreich zu arbeiten.

Über Susanne Seyfried

Susanne Seyfried ist Integrative Lerntherapeutin M.A. und arbeitet in ihrer eigenen Praxis sowie an verschiedenen Schulen im Raum Villingen-Schwenningen. Ihre Schwerpunkte sind die Lerntherapie bei Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten und Rechenschwäche, präventive und psychoedukative Angebote sowie die Beratung und Fortbildung von Lehrkräften. Außerdem ist sie Gründerin des Lerntherapeuten-Netzwerks mit mehr als 50 Mitgliedern und wurde 2023 mit dem VNN-Innovationspreis für ihr Engagement für Lerntherapie an Schulen ausgezeichnet.

Christine Falk-Frühbrodt: Was waren die wichtigsten Gründe dafür, die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt zu beenden?

Susanne Seyfried: Ich habe über die letzten Jahre mit vier bis fünf verschiedenen Jugendämtern zusammengearbeitet. Es war kein einzelner Vorfall, sondern die Summe vieler Erfahrungen, je nach Amt unterschiedlich ausgeprägt. Die Entscheidung, die Zusammenarbeit zu beenden, habe ich nicht über Nacht getroffen, sondern es war ein längerer Prozess.

Besonders belastend waren häufig wechselnde Ansprechpersonen, unklare Zuständigkeiten, verzögerte Zahlungen und auslaufende Bewilligungen, bei denen lange offenblieb, ob und in welchem Umfang die Lerntherapie weiterfinanziert wird.

Hinzu kam viel unbezahlter organisatorischer Aufwand, etwa für Berichte, Absprachen und Hilfeplangespräche. Auch wurden die Vergütungen über viele Jahre nicht angepasst. Irgendwann standen Zeitaufwand, Vergütung und Planungssicherheit für mich nicht mehr in einem angemessenen Verhältnis. Unter den derzeitigen Bedingungen ist die Zusammenarbeit mit Jugendämtern für mich deshalb keine passende Lösung.

Christine Falk-Frühbrodt: Wie hat sich Ihr beruflicher Alltag seit der Umstellung verändert?

Susanne Seyfried: Mein beruflicher Alltag ist deutlich planbarer geworden. Termine, Umfang und Honorar vereinbare ich direkt mit den Eltern, sodass beide Seiten von Anfang an wissen, woran sie sind. Gleichzeitig ist viel organisatorischer Aufwand weggefallen. Früher kam es vor, dass eine Bewilligung auslief und wochenlang niemand sagen konnte, ob und wie es weitergeht. Die Familie und ich hingen dann einfach in der Luft. Solche Situationen gehören für mich der Vergangenheit an. Dadurch kann ich meine Zeit und Energie heute stärker für die Förderung der Kinder und für Elterngespräche einsetzen.

Christine Falk-Frühbrodt: Welche Unterschiede erleben Sie in der Zusammenarbeit mit Selbstzahlerfamilien im Vergleich zu Jugendamtsfällen?

Susanne Seyfried: In der Zusammenarbeit mit Selbstzahlerfamilien sind die Absprachen direkter und flexibler. Förderziele, Umfang und Dauer der Lerntherapie können gemeinsam mit den Eltern entwickelt und bei Bedarf schneller angepasst werden. Auch kann eine Lerntherapie schneller beginnen. Lange Wartezeiten fallen weg. 

Natürlich braucht es auch hier klare Vereinbarungen und realistische Erwartungen. Der Unterschied liegt für mich vor allem darin, dass Entscheidungen unmittelbar mit der Familie getroffen werden können und nicht zusätzlich von Bewilligungszeiträumen, externen Vorgaben bzw. oft wechselnden Ansprechpersonen abhängen.

Christine Falk-Frühbrodt: Würden Sie sagen, dass eine Praxis auch ohne Jugendamt erfolgreich geführt werden kann?

Susanne Seyfried: Ja, das ist möglich. Wie das im Einzelnen aussieht, hängt vom eigenen Weg ab. Aus unserem Lerntherapeuten-Netzwerk, welches ich 2022 gegründet habe, kenne ich sehr unterschiedliche, aber jeweils tragfähige Modelle. Manche arbeiten überwiegend mit Jugendämtern, andere kombinieren verschiedene Finanzierungswege und arbeiten beispielsweise auch an Schulen, wieder andere ausschließlich mit Selbstzahlerfamilien.

Besonders viel Potenzial sehe ich in der Lerntherapie direkt an Schulen. Es entstehen keine Kosten für die Familien, es braucht keine Bewilligung nach § 35a SGB VIII und in der Regel auch keinen langen Weg über Diagnostik, Arzttermine oder Anträge. An Schulen lassen sich Kinder früher erreichen, noch bevor sich Lernschwierigkeiten verfestigen oder größere seelische Belastungen entstehen.

Entscheidend ist aus meiner Sicht nicht das eine richtige Modell, sondern eine tragfähige Mischung, die zur Region, zur eigenen fachlichen Ausrichtung und zum gewünschten Arbeitsalltag passt. Mehrere Standbeine schaffen Unabhängigkeit und Planungssicherheit.

Christine Falk-Frühbrodt: Welchen Rat würden Sie Menschen geben, die eine Weiterbildung zur Lerntherapeutin beginnen und glauben, sie müssten später vor allem mit dem Jugendamt zusammenarbeiten?

Susanne Seyfried: Den Satz „Ohne Jugendamt kann man von Lerntherapie nicht leben“ höre ich häufig. Meine Erfahrung zeigt, dass das so pauschal nicht stimmt. Es gibt viele Wege, eine tragfähige lerntherapeutische Tätigkeit aufzubauen.

Ich würde angehenden Lerntherapeuten empfehlen, sich früh mit unterschiedlichen Finanzierungswegen und Arbeitsfeldern zu beschäftigen. Dazu gehören die Zusammenarbeit mit Jugendämtern, der Selbstzahlerbereich und die Tätigkeit an Schulen. Beratung und Fortbildungen können zusätzliche berufliche Standbeine sein. 

Wichtig ist, sowohl die fachliche Qualität als auch die wirtschaftlichen und organisatorischen Bedingungen im Blick zu behalten. Welche Möglichkeiten der Finanzierung von Lerntherapie es darüber hinaus gibt, habe ich in meinem Blogbeitrag „Wer zahlt die Lerntherapie? Diese Möglichkeiten der Kostenübernahme solltest du kennen“ ausführlicher zusammengestellt.

Zum Schluss noch ein Gedanke: Ich wünsche mir von Lerntherapeuten mehr Mut, neue Wege zu gehen und die eigene fachliche Arbeit nicht unter Wert anzubieten. Denn nur wenn Lerntherapeuten selbst unter guten Bedingungen arbeiten, können sie Kinder und Familien langfristig gut begleiten. 

Christine Falk-Frühbrodt: Liebe Frau Seyfried! Wir danken Ihnen sehr für dieses Interview!

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