{"id":2288,"date":"2017-01-16T15:56:57","date_gmt":"2017-01-16T14:56:57","guid":{"rendered":"http:\/\/iflw.de\/blog\/?p=2288"},"modified":"2017-01-16T15:56:57","modified_gmt":"2017-01-16T14:56:57","slug":"haben-nur-kluge-kinder-eine-echte-lrs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.iflw.de\/blog\/lerntherapie-lerntherapeut\/haben-nur-kluge-kinder-eine-echte-lrs\/","title":{"rendered":"Haben nur kluge Kinder eine \u201cechte\u201d LRS \/ Legasthenie?"},"content":{"rendered":"<p>Besteht bei einem Kind oder Jugendlichen* der Verdacht auf LRS, wird ein Intelligenztest von vielen Fachleuten f\u00fcr erforderlich gehalten. Doch ist eine Intelligenzdiagnostik bei lese- und\/oder rechtschreibschwachen Sch\u00fclern wirklich stets erforderlich? Lesen Sie in diesem Blog-Beitrag, was die Diskrepanzdefinition zum Inhalt hat, warum Lerntherapeuten bei der Planung und Durchf\u00fchrung einer Lerntherapie auf einen IQ-Test verzichten k\u00f6nnen, welche Nachteile er haben kann und in welchen F\u00e4llen eine Intelligenztestung Kindern mit LRS bzw. Legasthenie Vorteile bieten kann.<\/p>\n<h2>Was ist die Diskrepanzdefinition?<\/h2>\n<p>Auf den Punkt gebracht besagt die in der <a href=\"http:\/\/www.icd-code.de\">ICD-10<\/a>\u00a0stehende Diskrepanzdefinition, dass nur diejenigen Kinder eine Lese-Rechtschreib-St\u00f6rung haben, deren Intelligenz deutlich \u00fcber ihrem Lese- und\/oder Rechtschreibniveau liegt. Es muss also eine Diskrepanz zwischen dem liegen, was angesichts des IQ-Werts an Lese- und Rechtschreibleistungen zu erwarten w\u00e4re. Dieser Widerspruch wird aus medizinischer Sicht als Hinweis auf eine gest\u00f6rte Entwicklung gedeutet.<\/p>\n<h2>Folgen der Diskrepanzdefinition<\/h2>\n<p>Die aufgrund der Diskrepanzdefinition vorgenommene Unterscheidung von Diskrepanz-Legasthenikern und sonstigen Lese-Rechtschreib-Schwachen hat eine Ungleichbehandlung von Sch\u00fclern mit Lese-Rechtschreibschwierigkeiten zur Folge. So wird eine Lerntherapie in den meisten F\u00e4llen nur dann von den Jugend\u00e4mtern finanziert, wenn im Rahmen einer Diagnostik nach ICD-10 eine Lese-Rechtschreib-St\u00f6rung festgestellt und damit eine Diskrepanz zur Intelligenz bescheinigt wurde. Sch\u00fcler mit LRS, die im Intelligenztest zu schlecht abschneiden, haben damit keinen Anspruch auf Hilfen in Form von Lerntherapie und\/oder <a href=\"http:\/\/iflw.de\/blog\/dyskalkulie-rechenschwaeche\/nachteilsausgleich-und-notenschutz-bei-lrs-und-rechenschwaeche\/\">Notenschutz<\/a>.<\/p>\n<h2>Kritik an der Diskrepanzdefinition<\/h2>\n<p>Studien haben gezeigt, dass sich Diskrepanz-Legastheniker und sonstige Lese-Rechtschreib-Schwache gleichen. Nach Marx, Weber und Schneider (2001) haben beide Sch\u00fclergruppen Schwierigkeiten im Bereich der lautanalytischen Kompetenzen. Die Fehlerschwerpunkte sind nach Valtin, Badel, L\u00f6ffler, Meyer-Schepers und Voss (2003) vergleichbar und beide Gruppen profitieren laut Weber, Marx und Schneider (2002) von einem Rechtschreibtraining. Diese Erkenntnisse legen nahe, dass die Diskrepanzdefinition viele lese-rechtschreibschwache Sch\u00fcler ohne guten Grund von einer gezielten F\u00f6rderung ausschlie\u00dft.<\/p>\n<h2>Lerntherapie braucht keinen Intelligenztest<\/h2>\n<p>Wenn eine Lerntherapie als Privatleistung erfolgt und damit von den Eltern bezahlt wird, kann auf einen Intelligenztest verzichtet werden, da Intelligenztestergebnisse f\u00fcr die lerntherapeutische Arbeit mit dem Kind entbehrlich sind. Als Lerntherapeutin muss ich den Intelligenzquotienten (IQ) meines Gegen\u00fcbers nicht kennen, denn eine Lerntherapie ist in jedem Fall individuell zu gestalten und ber\u00fccksichtigt somit die kognitiven M\u00f6glichkeiten des Kindes. In einer Lerntherapie geben schon die ersten gemeinsamen Stunden eine Vielzahl von Hinweisen auf das intellektuelle Leistungsverm\u00f6gen des Kindes. Wenn ich mich darauf einstelle, den Schwierigkeitsgrad anpasse und bei Bedarf alternative Lernwege finde, erreiche und f\u00f6rdere ich jedes Kind: das schlaue und das weniger schlaue. Alle Sch\u00fcler\/innen haben Anspruch darauf, das Lesen und die Rechtschreibung so gut wie m\u00f6glich zu erlernen, unabh\u00e4ngig von ihrer Intelligenz. Auch Kinder mit einem niedrigen IQ profitieren von einer individuellen F\u00f6rderung. Warum also sollte eine Intelligenztestung fester Bestandteil einer LRS-Diagnostik sein?<\/p>\n<h2>M\u00f6gliche Nachteile eines Intelligenztests<\/h2>\n<p>Jede Testdurchf\u00fchrung macht etwas mit uns. Das gilt in besonderer Weise f\u00fcr Intelligenztests. Wer m\u00f6chte nicht wissen, wie hoch der eigene IQ ist und was w\u00fcrde dieses Wissen in uns bewirken? Was macht ein Kind mit der Information, laut Test unterdurchschnittlich, durchschnittlich oder \u00fcberdurchschnittlich intelligent zu sein? Sicherlich k\u00f6nnten Eltern ihren Kindern das Ergebnis verschweigen, aber auch bei ihnen bewirkt das Testergebnis etwas. Testergebnisse nehmen Einfluss auf das Selbstkonzept und das Verhalten. Ein niedriger IQ-Wert kann die Lernmotivation beeintr\u00e4chtigen (\u201cMit meinem IQ werde ich nie gut in Mathe sein!\u201d); ein hoher IQ-Wert kann \u00fcbersteigerte elterliche Erwartungen wecken (\u201cMit <em>dem<\/em> IQ muss der Junge Medizin studieren!\u201d). Bei Kindern sollten Intelligenztests daher nie leichtfertig durchgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<h2>Wann ist ein Intelligenztest bei LRS erforderlich?<\/h2>\n<p>Zeigt ein Kind schwache Leistungen im Lesen und\/oder Rechtschreiben und wird die Finanzierung einer Lerntherapie durch das Jugendamt und\/oder Notenschutz angestrebt, so kann ein Intelligenztest erforderlich werden, wenn das Jugendamt oder die Schule eine LRS-Diagnose nach ICD-10 verlangt. In diesem Fall wird der mit der Diagnostik betraute Kinder- und Jugendpsychiater mit hoher Wahrscheinlichkeit auch einen Intelligenztest durchf\u00fchren. In allen anderen F\u00e4llen kann und sollte bei LRS-betroffenen Sch\u00fclern von einem Intelligenztest abgesehen werden.<\/p>\n<p>Solange die auch international umstrittene Diskrepanzdefinition im Diagnosehandbuch ICD steht, hat sie in medizinischen und rechtlichen Belangen Bedeutung. Aus p\u00e4dagogischer Sicht sollte sie abgeschafft werden, denn Lesen und Rechtschreiben sind Schl\u00fcsselkompetenzen, auf die nicht nur kluge Kinder Anspruch haben.<\/p>\n<p>* Um Dopplungen zu vermeiden, wird nachfolgend nur von Kindern gesprochen. Eine Lerntherapie kann sich jedoch an Kinder, Jugendliche und Erwachsene richten.<\/p>\n<p>Marx, P., Weber, J., Schneider, W. (2001). Legasthenie versus allgemeine Lese-Rechtschreibschw\u00e4che. <em>Zeitschrift f\u00fcr P\u00e4dagogische Psychologie<\/em>, 15, 85-98.<\/p>\n<p>Valtin, R., Badel, I., L\u00f6ffler, I., Meyer-Schepers, U., Voss, A. (2003). Orthographische Kompetenzen von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern der vierten Klasse. In W. Bos, E.-M. Lankes, M. Prenzel, K. Schwippert, G. Walter, R. Valtin (Hrsg.), <em>Erste Ergebnisse aus IGLU. Sch\u00fclerleistungen am Ende der vierten Jahrgangsstufe im internationalen Vergleich<\/em> (S. 227-264). M\u00fcnster: Waxmann.<\/p>\n<p>Weber, J., Marx, P., Schneider, W. (2002). Profitieren Legastheniker und allgemein lese-rechtschreibschwache Kinder in unterschiedlichem Ausma\u00df von einem Rechtschreibtraining? <em>Psychologie in Erziehung und Unterricht<\/em>, 49, 56-70.<\/p>\n<h2 class=\"p1\"><span class=\"s1\">Weitere Informationen<\/span><\/h2>\n<ul class=\"ul1\">\n<li class=\"li3\"><span class=\"s3\"><a href=\"\/fortbildungen\/Legasthenie\/lrs-trainer-fortbildung-ausbildung-legasthenie.htm\"><span class=\"s4\">Fortbildung &#8222;Trainer\/in bei Leserechtschreibschw\u00e4che (Legasthenie)&#8220;<\/span><\/a><\/span><\/li>\n<li class=\"li3\"><span class=\"s3\"><a href=\"\/fernstudium\/legasthenie\/lrs-therapeut-pruefung-zertifikat.htm\"><span class=\"s4\">Fachkundepr\u00fcfung &#8222;LRS-Therapeut\/in (IFLW)&#8220;<\/span><\/a><\/span><\/li>\n<li class=\"li3\"><span class=\"s3\"><a href=\"\/blog\/lrs-legasthenie-leserechtschreibschwaeche\/wie-wird-man-legasthenietrainer-legasthenietherapeut\/\"><span class=\"s4\">Wie wird man Legasthenietrainer bzw. Legasthenietherapeut?<\/span><\/a><\/span><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besteht bei einem Kind oder Jugendlichen* der Verdacht auf LRS, wird ein Intelligenztest von vielen Fachleuten f\u00fcr erforderlich gehalten. Doch ist eine Intelligenzdiagnostik bei lese- und\/oder rechtschreibschwachen Sch\u00fclern wirklich stets erforderlich? 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