{"id":2051,"date":"2016-10-20T18:08:18","date_gmt":"2016-10-20T16:08:18","guid":{"rendered":"http:\/\/iflw.de\/blog\/?p=2051"},"modified":"2016-10-20T18:08:18","modified_gmt":"2016-10-20T16:08:18","slug":"sich-selbst-erfuellende-prophezeiungen-in-der-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.iflw.de\/blog\/erziehung\/sich-selbst-erfuellende-prophezeiungen-in-der-schule\/","title":{"rendered":"Sich selbst erf\u00fcllende Prophezeiungen in der Schule"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"p1\"><span class=\"s1\">Worte pr\u00e4gen sich ein<\/span><\/h2>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Manche S\u00e4tze graben sich so tief in das Unterbewusstsein ein, dass man sie nie wieder los wird: &#8222;Mathe liegt dir einfach nicht&#8220;, &#8222;Du bist unmusikalisch&#8220; oder &#8222;Die Faulheit steckt dir in den Knochen&#8220;. Wer noch klein ist und den Worten der &#8222;Gro\u00dfen&#8220; nichts entgegensetzen kann, saugt Erwachsenenwissen wie ein Schwamm auf. F\u00fcr Kinder macht es keinen Unterschied, ob der Lehrer sagt, dass Bananen Obst und M\u00e4dchen ungeschickt sind. Beides wird geglaubt. Lehreraussagen und -erwartungen beeinflussen das Selbstkonzept und die Selbsterwartungen von Sch\u00fclern und k\u00f6nnen zu einer &#8222;sich selbst erf\u00fcllenden Prophezeiung&#8220; f\u00fchren. Die Wahrsagung tritt ein und best\u00e4tigt das Vorurteil. Schon Gandhi soll gesagt haben: &#8222;Der Mensch wird oft zu dem, was er zu sein glaubt.&#8220; Traut man einem Kind viel zu, wird es an seine F\u00e4higkeiten glauben und weit kommen; traut man ihm wenig zu, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Startl\u00f6chern stecken bleiben.<\/span><\/p>\n<h2 class=\"p1\"><span class=\"s1\">Der Rosenthal-Effekt<\/span><\/h2>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">1968 ver\u00f6ffentlichte der amerikanische Psychologe Robert Rosenthal seine klassische Studie zur Rolle der Lehrererwartungen. Er unterzog Sch\u00fcler einem Intelligenztest und w\u00e4hlte nachfolgend jedes f\u00fcnfte Kind nach dem Zufallsprinzip aus. Diese wurden den Lehrern als viel versprechende Talente vorgestellt. Schnelles &#8222;intellektuelles Wachstum&#8220; und erhebliche Leistungssteigerungen seien zu erwarten. Vier Monate sp\u00e4ter konnten bei den angeblich besonders talentierten Kindern signifikant h\u00f6here IQ-Steigerungen nachgewiesen werden. Es braucht nicht viel, um sich die Auswirkungen negativer Lehrererwartungen auszumalen. Worte allein k\u00f6nnen Versagens\u00e4ngste ausl\u00f6sen und die Leistungsf\u00e4higkeit einschr\u00e4nken. Je geringer die Erwartungshaltung, umso weniger k\u00f6nnen sich F\u00e4higkeiten entwickeln. Und mancher Sch\u00fcler denkt sich auch: &#8222;Wenn mich der Lehrer f\u00fcr dumm h\u00e4lt, werde ich ihn nicht vom Gegenteil \u00fcberzeugen k\u00f6nnen. Wozu soll ich mich da noch anstrengen?&#8220;<\/span><\/p>\n<h2 class=\"p1\"><span class=\"s1\">Sich selbst erf\u00fcllenden Prophezeiungen auf der Spur<\/span><\/h2>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Vorurteile sind normal. Schubladendenken erleichtert die Orientierung in einer komplexen Welt. Wichtig ist, sich dieser Prozesse bewusst zu werden. Zeigt Peter im Moment nicht vollen Einsatz oder ist er faul? Hat Luise heute ein starkes Mitteilungsbed\u00fcrfnis oder ist sie verquatscht? Ist Kevin ein &#8222;langsamer Lerner&#8220; oder habe ich es ihm nicht deutlich genug erkl\u00e4rt? Ein st\u00e4ndiger Abgleich unserer \u00dcberzeugungen mit der Realit\u00e4t bewahrt vor Ungerechtigkeiten. Neben Worten k\u00f6nnen unser Tonfall, unsere Gestik und Mimik negative Erwartungen aussenden. Optimistische Worte klingen unglaubw\u00fcrdig, wenn wir unsere Stirn in Falten legen und ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch herumtrommeln. Ziehen Sie nach M\u00f6glichkeit Kollegen zur Beobachtung heran. Da die nonverbale Kommunikationsebene nur bedingt willentlich beeinflussbar ist, m\u00fcssen wir auch unsere Einstellung zum Kind \u00e4ndern.<\/span><\/p>\n<h2 class=\"p1\"><span class=\"s1\">Schatzsuche statt Fehlersuche<\/span><\/h2>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Jedes Kind hat St\u00e4rken. Es lohnt sich sie aufzusp\u00fcren. Denken Sie an das Kind, das Ihnen im Moment die gr\u00f6\u00dften Sorgen bereitet. Was kann es gut? Wo sind positive Ans\u00e4tze? L\u00e4sst sich diese besondere Kompetenz im sozialen Miteinander oder im intellektuellen Bereich nutzen? Es kann hilfreich sein, einige Wochen \u00fcber die guten Seiten eines bestimmten Sch\u00fclers Tagebuch zu f\u00fchren. Das kann unsere Meinung \u00fcber dieses Kind entscheidend zum Positiven ver\u00e4ndern. Kinder entwickeln sich mit hoher Geschwindigkeit. Der erste Eindruck ist morgen schon veraltet. Was gestern war, gilt heute nicht mehr. Stigmatisierungen zerst\u00f6ren Kommunikation; ein unvoreingenommenes Wesen, die Bereitschaft, sich immer wieder aufs Neue \u00fcberraschen zu lassen und eigene \u00dcberzeugungen zu hinterfragen, halten die T\u00fcr zum Kind offen.<\/span><\/p>\n<h2 class=\"p1\"><span class=\"s1\">Mit Worten Perspektiven er\u00f6ffnen<\/span><\/h2>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Worte k\u00f6nnen einschr\u00e4nken und kleinmachen, aber ebenso gut stark und mutig machen. Vergleichen Sie &#8222;Du bist ein schlechter Sch\u00fcler&#8220; mit &#8222;Hier kannst du dich noch verbessern&#8220; oder &#8222;Das Abitur ist f\u00fcr dich unerreichbar&#8220; mit &#8222;Du kannst es schaffen, wenn du in den n\u00e4chsten sechs Monaten zwei Stunden pro Tag Unterrichtsinhalte nachbereitest&#8220;. Belegen Sie Kritik mit konkreten Beobachtungen: &#8222;Ich sehe, dass ihr drei euch unterhaltet.&#8220; Das legt weniger fest als ein pauschales &#8222;Immer st\u00f6rt ihr den Unterricht&#8220;. Nutzen Sie jede Gelegenheit, gute Ans\u00e4tze mit gezieltem Lob und ehrlicher Zuversicht zu verst\u00e4rken. Positivmeldungen an die Eltern k\u00f6nnen einen wahren Schneelawineneffekt ausl\u00f6sen: Mutter und Vater gehen sofort anders um mit dem Kind. Dieses wird das lobenswerte Verhalten in Zukunft h\u00e4ufiger zeigen. Es ist wie mit dem Korn im Acker: Mit der richtigen Mischung aus Sonne, Wasser und D\u00fcnger kann daraus eine Pflanze mit tiefen Wurzeln wachsen. Doch eines braucht es noch: den Glauben daran, dass der Samen gut und die ganze M\u00fche nicht umsonst ist.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Worte pr\u00e4gen sich ein Manche S\u00e4tze graben sich so tief in das Unterbewusstsein ein, dass man sie nie wieder los wird: &#8222;Mathe liegt dir einfach nicht&#8220;, &#8222;Du bist unmusikalisch&#8220; oder &#8222;Die Faulheit steckt dir in den Knochen&#8220;. 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